Chronist der dunklen Zeiten
Ozzy Osbourne, der »Prince of Darkness«, ist tot. Doch von ihm, der wie kein anderer großer Rock- und Heavy-Metal-Musiker die Absurditäten und schmerzhaften Widersprüche der Gesellschaft und des von ihr eingefangenen Lebens personifizierte, darf man annehmen, dass er im kollektiven Gedächtnis weiterleben wird. Zu groß ist sein musikalisches und menschliches – sein ästhetisches Vermächtnis.
Mit seiner Band Black Sabbath bewies er nicht nur musikalische Brillanz und schuf 1970 mit »Paranoid« das Album, das die Musikwelt veränderte und den Heavy Metal hervorbrachte. Ozzy Osbourne hat mit seiner Musik, seinen Texten, seinem Lebensstil und seiner Selbstvermarktung, etwa in der Doku-Soap »The Osbournes«, den Finger tief in die Wunden der an Zivilisationskraft und emanzipatorischen Ideen verarmten postbürgerlichen Welt gelegt, in der man selbst um profanes Glück betrogen wird. Im Gegensatz zum damals verbreiteten Vorwurf der Teufels- und Todesanbetung verteidigte Osbourne durch die Aufnahme der gesellschaftlichen Verdunklung in seine Musik radikal das Leben gegen seine gesellschaftliche Angleichung an den Tod.
In der wirtschaftlich prosperierenden Nachkriegsordnung Englands, speziell in seiner Geburtsstadt Birmingham, erkannte Osbourne die Verhärtung und Erkaltung der Individuen.
Während große Teile der Musikszene Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre vor Krieg, Krise und Konsumsucht in heile Welten flohen, Hymnen auf Liebe, Blumen und Hippie-Glückseligkeit anstimmten und pseudospirituellen Schwitzhütten-Ethnokitsch fabrizierten, verhalfen Black Sabbath dem gesellschaftlichen Unbehagen und dem Fortschritt des Unheils zum klanglichen Ausdruck. Verschleppte tiefe Akkorde, disharmonische – mal rasend, mal stolpernd gespielte – Riffs und das Verderben ankündigende Teufelsintervall wurden zu Markenzeichen der Band. Vom unverwechselbaren Gesang ganz zu schweigen, der wie kaum ein anderer zugleich Leid, Schmerz und sardonisches, widerständiges Gelächter beinhaltete.
Auch textlich bewies Osbourne Reflexionskraft, die hinter die bloße Erscheinung blickte. In der wirtschaftlich prosperierenden Nachkriegsordnung Englands, speziell in seiner Geburtsstadt Birmingham, erkannte er die Verhärtung und Erkaltung der Individuen. In seinen Texten zu »Paranoid«, »Iron Man« und »War Pigs« beklagte er das Schicksal von Menschen, die kein Glück und keine Liebe mehr empfinden können, die durch glücksversprechende, letztlich aber versklavende Technik zu todbringenden Robotern oder direkt zu Kriegsmaterial degradiert werden. Entwicklungen, die Margaret Thatcher später fatalerweise vorantrieb: Gesellschaft als solidarischer Zusammenhang existiere nicht.
Seine Drogenexzesse mögen viele als trauriges Rockstar-Gehabe ansehen und sein Abstieg zum Reality-TV-Star in »The Osbournes« mag die gerechte Strafe sein. Doch beide – Kokain und Reality-Soap – stehen widersprüchlich dem Verfall des Lebens zum bloßen Vollzug entgegen. Das Koks war Wiederbelebungsmaßnahme gegen das Absterben des individuellen Lebens unter dem Druck gesellschaftlicher Normen.
Antisemiten konsequent verachtet
Und mit der Selbstironie, mit der er in »The Osbournes« auftrat, bewies er eine heute selten anzutreffende charakterliche Stärke und vorbildhafte Fähigkeit, die eigenen Brüche anzuerkennen. Gleichzeitig zeigte er, dem dunklen Witz stets verbunden, dass das Leben eh längst zur grotesken Show geworden ist, während er sich gegen die allgemeine Verhärtung die Fähigkeit bewahrte, das zu verstehen und sogar vorzuführen.
Angesichts dieses Gespürs für die Verhärtung und seiner Aversion dagegen verwundert es nicht, dass Ozzy Osbourne – zusammen mit seiner Frau Sharon – Antisemiten konsequent verachtete und bis zu seinem Tod an der Seite Israels stand. Er spielte mehrfach dort, besuchte Yad Vashem und die Klagemauer und unterzeichnete noch im März dieses Jahres einen offenen Brief an die BBC, der deren systematische Voreingenommenheit gegen Israel kritisiert.
Dass Ozzy Osbourne es zwei Wochen vor seinem Tod nach mehreren gescheiterten Versuchen noch einmal mit Black Sabbath in Birmingham auf die Bühne schaffte, ist das glückliche Ende eines Lebens, das geführt, nicht vollzogen wurde. Mit ihm verliert die Welt mehr als einen Musiker. Sie verliert einen musikalischen Chronisten ihrer dunklen Zeiten, der die Welt und das Leben in all ihren Widersprüchen verstand und dennoch über sie nicht selbst dunkel wurde.