31.07.2025
Wie sich Influencer auf Youtube in den Alltag der User einmischen

Die Apokalypse im eigenen Wohnzimmer und wie man sie abwendet

Ob Kochen, Klempnern, Putzen, Basteln oder Kakerlakenbekämpfung: In den sozialen Medien sind immer mehr Coaches unterwegs, die dem Publikum vorführen, wie man den Alltag bewältigt. Weshalb gibt es diese Formate, und warum sind sie so beliebt?

Als im Arbeitszimmer des Autors jüngst, offenbar durch die Sommerhitze begünstigt, eine Fliegenplage ausbrach – keine Stubenfliegen, sondern eine Art von Sumpffliegen, die zwar keinen Schaden anrichteten, sich aber horrorfilmhaft vermehrten –, geriet er wie üblich bei solchen unvorhergesehenen Störungen des Lebens- und Arbeits­all­tags in helle Panik.

Nichts schien mehr möglich, weder Schreiben noch Lesen noch Putzen oder gar Kochen, der bloße Aufenthalt in der Wohnung wurde ebenso zum Alptraum wie die Abwesenheit von dort, weil diese es unmöglich machte, den aktuellen Stand der Plage zu überwachen. Erst als der Horror dank eines Kammerjägers und der Hilfe einer umsichtigen Freundin gebannt werden konnte, waren Entspannung und Konzentration wieder denkbar.

Ästhetischer und sozialer Mehrwert

Zum Zweck der Bekämpfung solcher und anderer Ekelplagen (Ameisen, Schaben, Bettwanzen, Kakerlaken) hätte sich der Autor auch eines der zahllosen Videos auf Youtube ansehen können, in denen Privatleute und semiprofessionelle Insektenvernichtungs-Coaches vorführen, wie man in solchen Fällen einen kühlen Kopf bewahrt und effektiv zurückschlägt. Glücklicherweise hat er sie sich nicht angesehen, denn dann wäre ein Kurzzeitaufenthalt in der Psychiatrie unabwendbar ­gewesen.

Die meisten dieser Videos erschöpfen sich nicht in dem, was sie anzubieten vorgeben, nämlich eine Social-Media-Variante der gegen­seitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt – in einem freizeitlich-ehrenamtlichen socializing und networking also, mit dem man Handwerker, Sozialarbeiter, Restaurant­betreiber und Fitness-Trainer um ihren Lohn bringen und sich trotzdem kommunitär auf der Höhe der Zeit wähnen kann. Sie haben vielmehr einen ästhetischen und sozialen Mehrwert, der kaum weniger zu den Klickzahlen und Likes beitragen dürfte als ihr pragmatischer Nutzen.

In Tierhorrorfilmen werden mal die zivilisatorische Hybris, mal die naturfernen Wohn- und Lebensverhältnisse und fast immer verantwortungslose Kapitalisten für die krabbelnde Apokalypse verantwortlich gemacht. Die Youtube-Videos hingegen erden, dämpfen und veralltäglichen die apokalyptische Dimension: Wenn man besonnen reagiert, müssen keine Wohnblöcke, Städte oder Staaten evakuiert werden.

Die Insekten- und Ungezieferbekämpfungsvideos scheinen in gewisser Weise das Erbe der Tierhorror­filme angetreten zu haben, die das Publikum seit den siebziger Jahren in wechselnden Konjunkturen mit den Angriffen übergroßer oder realistischer Spinnen, Ameisen, Kakerlaken, Heuschrecken, Wanzen und Würmer unterhalten. Im Unterschied zu diesen, die fast immer (Alfred Hitchcocks früher Film The Birds von 1963 ist die absolute Ausnahme) mit zeitgeschichtlich variierendem ideologischem Überbau aufwarten, sind die Do-it-yourself-Videos pragmatisch und handlungsorientiert.

In Tierhorrorfilmen werden mal die zivilisatorische Hybris, mal die naturfernen Wohn- und Lebensverhältnisse und fast immer verantwortungslose Kapitalisten für die krabbelnde Apokalypse verantwortlich gemacht. Die Youtube-Videos hingegen erden, dämpfen und veralltäglichen die apokalyptische Dimension: Wenn man besonnen reagiert, müssen keine Wohnblöcke, Städte oder Staaten evakuiert werden. Der Preis für solchen Pragmatismus ist, zur Kenntnis zu nehmen, dass es auch in der zivilisierten Gegenwart keine Rohre, Ritzen, Ecken und Nischen gibt, in denen nicht, zumeist unbemerkt von den Menschen, abstoßende Kleinstkreaturen herumkriechen, um Nester zu bauen und Eier zu legen.

Verdufte. Menschen setzen sich ­gegen eine Mega-Spinne zur Wehr (»Arac Attack – Angriff der ­achtbeinigen Monster«, 2002)

Verdufte. Menschen setzen sich ­gegen eine Mega-Spinne zur Wehr (»Arac Attack – Angriff der ­achtbeinigen Monster«, 2002)

Bild:
picture alliance/United Archives / kpa Publicity

Auch wenn es noch keine umfassenden Studien über die Gründe und die Qualität des Konsums solcher Filme gibt, ist anzunehmen, dass das spekulative Moment – der Schauer bei der En-détail-Betrachtung inhäusiger Insekten und Schädlinge – dabei mindestens so wichtig ist wie der praktische Gebrauchswert. Die geschilderten Ausnahmezustände begegnen in der Wirklichkeit seltener, als die Anzahl Filme es nahelegt.

Durch ihren Informationscharakter und ihre sachliche Darstellung von Problem und Lösung sind sie trotzdem nicht nur effekthascherisch. Vielmehr geben sie den Konsumenten Modelle der Bewältigung von Alltagsmiseren an die Hand, wie sie auch ähnlichen Do-it-yourself-Videos zugrunde liegen, die den Aufbau von Regalen, die Entstopfung von Abflüssen, die Beseitigung von Schimmel aus Duschzellen, den korrekten Vollzug häuslicher Sit-ups, die Herstellung von Lasagne oder Thai-Curry und das Basteln von Origami-Tier­figuren vorführten.

Negative Verwirklichung des anarchokommunitaristischen Prinzips

Ob es um Methoden der Bewältigung von Ausnahmezuständen im Alltag oder um die gefällige Gestaltung von Normalität und Freizeit geht, ist zweitrangig. Der Unterschied zwischen Privatsphäre und Beruf, zwischen Arbeit und Freizeit ist in ihnen ebenso kassiert wie in der Wirklichkeit. Egal, ob man spielt oder arbeitet, rekonstruktiv oder kreativ tätig ist, eine Tätigkeit ausüben muss oder es nur möchte, die Muster, die die Videos zur Aufgabenbewältigung anbieten, unterscheiden sich kaum.

Ihre oberste Maxime lautet: Fast alles kann man sich alleine beibringen, sofern man es nur unter An­leitung eines Experten tut, der seinerseits aus seinem Expertentum, obwohl er damit manchmal gut verdient, nie einen Beruf macht. Das ist die negative Verwirklichung des anarchokommunitaristischen Prinzips gegenseitiger Hilfe, das staatliche Leistungen ebenso wie Erwerbsarbeit überflüssig machen soll: Wozu noch öffentliche Infrastruktur, Dienstleistungen und public services, wenn wir als Kollektiv digital Atomisierter einander in allem helfen, was wir jeweils am besten können?

Fast jeder unvorhergesehene Notstand, von Stromausfällen über ­Hygienekrisen, Verfettung und partnerschaftliche Schnarchattacken bis zur Quarantäne, lässt sich auf diese Weise mittels spontan organisierter Schwarmintelligenz bewäl­tigen. Der prekäre, fremdbestimmte Aspekt des Begriffs der Kreativität kommt dabei zu sich selbst. Denn den jeweiligen Tätigkeiten liegt, auch wenn es sich um solche der Verschönerung des Alltags handelt, kein spontaner Impuls, sondern eine Ohnmacht oder freigewählte Unfähigkeit zugrunde. Aus zeitökonomischen, finanziellen oder moralischen Gründen, oder auch aus bloßer Faulheit, weigert man sich, eine Tätigkeit, die gerade getan werden muss oder will, ohne Netz und doppelten Boden einfach selber zu ver­suchen, will sich aber auch nicht von ausgebildeten Dienstleistern helfen lassen, die die Tätigkeit womöglich besser erledigen könnten als man selbst.

 Entschlossene Kammerjägerin. Tracy Griffith tritt gegen Monster­moskitos an (»Skeeter«, 1993)

 Entschlossene Kammerjägerin. Tracy Griffith tritt gegen Monster­moskitos an (»Skeeter«, 1993)

Bild:
mauritius images / United Archives GmbH / Alamy

Die Sozialfigur des Do-it-yourself-Individualisten, die in der Moderne von Pippi Langstrumpf bis Goofy fast immer sympathisch-skurril gezeichnet und der mit einer Mischung aus Spott und Hochachtung begegnet wurde, ist mit diesen Videos an ihr Ende gekommen. Wer seine Weinflaschen mit Schraubenziehern entkorkt und kaputte Stuhlbeine durch halbierte Tischbeine ersetzt, wird nicht lächelnd bewundert, sondern abserviert und zum Nachsitzen vor den Laptop geschickt. Dilettanten sind heute schlecht beleumdet; selbst der Heimwerker muss professionell rüberkommen und ist auf Rollenmodelle aus den sozialen Medien angewiesen.

Die Maxime, dass jeder sich das meiste alleine beibringen könne, wird deshalb verknüpft mit der Aufforderung, sich ständig helfen zu lassen und anderen zu helfen. Dies mag einen Zustand begünstigt haben, in dem Menschen, die weder eine akute Fliegenplage haben noch Lust auf Sit-ups oder Thai-Curry verspüren, sich trotzdem – teils, um darauf später zurückgreifen können, teils aus bloßer Betrachterlust – stundenlang die entsprechenden Filme anschauen und sich hinterher fragen, warum sie so wenig Zeit ­finden, um ein Buch zu lesen, eine Postkarte zu schreiben oder das Bad zu putzen.

Was diese Filme vor allem befördern, ist die Produktion toter, weder durch lebendige Tätigkeit noch durch aktive Rezeption erfüllter Zeit. Obwohl keine Statistiken vorzuliegen scheinen, ist anzunehmen, dass nur eine Minderheit der Konsumenten von Home-Fitness-, Dampfbügel- oder Kakerlakenbekämpfungsvideos sich die Filme anschaut, bevor sie wirklich bügeln, turnen oder Ungeziefer töten: Sie dienen weniger als Vorbereitung einer anstehenden Tätigkeit denn als Unterbrechung und Aufschub gegenwärtiger Handlungen. Damit gehören sie in den Umkreis dessen, was mit einem immer mehr zu einem »Plastikwort« (Uwe Pörksen) werdenden Begriff Prokrastination genannt wird.

Der Reiz von Alltagsbewältigungsvideos

Der Reiz von Alltagsbewältigungsvideos

Bild:
Screenshot Youtube

Wer vor anderen, vor allem aber vor sich selbst, unbedingt nötige ­Tätigkeiten als Begründung dafür vorschiebt, tatsächlich anstehende Aufgaben zu vertagen, der prokrastiniert. Sofern sie der Planungshoheit des Subjekts untersteht, muss Prokrastination nicht schlecht sein. Manche Texte zum Beispiel, deren Beginn und Abschluss einen Reflexionsanlauf erfordern, erzwingen geradezu prokrastinierenden Aufschub, um, nachdem der Absprung gelungen ist, ihrerseits zu gelingen. Wenn der Aufschub, der Anlauf, die Umleitung aber zur Hauptsache werden, wird die eigentliche Haupt- zur Nebensache. So kann man bei der allabendlichen Betrachtung sich inhäusig ertüchtigender Frauen und Männer derart viel Bauchspeck ansetzen, dass man in dem Moment, wo man den Coaches wirklich nacheifern müsste, keine Lust mehr hat.

Eine präzisere Bestimmung der Prokrastination, die solche Videos anbieten, ermöglicht der Begriff der Interpassivität, den Robert Pfaller in einem im Jahr 2000 mit Slavoj Žižek und Mladen Dolar veröffentlichten Sammelband als Bezeichnung für Formen »delegierten Genießens« vorgeschlagen hat. Als Beispiele nennt er die Lachkonserven in Sitcoms, die dem Publikum gleichsam das Lachen abnehmen, auch wenn es selber trotzdem lacht, Kochsendungen im Fernsehen, die einem ersparen, den Genuss des Kochens durch eigene Tätigkeit hervorzubringen, sowie tibetanische Gebetsmühlen, die anstelle des Betenden beten.

Interpassivität ist nicht identisch mit Lethargie und Stagnation, sondern ermöglicht ein Genießen, das es ohne die entsprechenden Medien nicht gäbe: Jeder, der mehr Bücher besitzt, als er lesen kann, weiß, dass er auch die Bücher, die er noch nicht kennt, in einem anderen Sinn trotzdem kennt, weil er sich erinnert, in welchem Zusammenhang er sie erwarb, was ihn zum Erwerb verführte und was ihn an ihrer Lektüre hinderte.

Obwohl keine Statistiken vorzuliegen scheinen, ist anzu­nehmen, dass nur eine Minderheit der Konsumenten von Home-­Fitness- oder Kakerlaken­bekämpfungs­videos sich die Filme anschaut, bevor sie wirklich turnen oder Ungeziefer töten: Sie dienen weniger als Vorbereitung einer anstehenden Tätigkeit denn als Unterbrechung und Aufschub gegen­wärtiger Handlungen.

Die Ähnlichkeit der Koch-, Bastel- oder Fitnessvideos mit Pfallers Konzept ist evident. Es lässt sich aber auch vorstellen, dass das Betrachten von Kammerjagd-, Klempner- und Aufräumvideos (das In-Ordnung-Bringen von Messie-Wohnungen ist ein beliebtes Sujet) wirklich einen primären Genuss verschafft, der sich durch Ausüben der häufig unangenehmen Tätigkeiten, die dort vorgeführt werden, niemals einstellen könnte. Das »delegierte Genießen« der Interpassivität schließt nicht aus, dass seine Objekte eklig oder unlusterregend sind.

Einen Unterschied zu Pfallers Konzept, das an Sujets der Moderne und Vormoderne entwickelt wird, gibt es trotzdem. Die Alltagsbewältigungsvideos sind, auch wenn sie nicht als Gebrauchsanweisungen für konkrete Problemlösungen rezipiert werden, vom Duktus des Trainings, Coachings und Bewährungstests geprägt. Darin erinnern sie an Harun Farockis Dokumentarfilme über verschiedenste Formen der Berufsvor­bereitung und -begleitung wie »Die Umschulung« (1994), »Bewerbungen« (1996) und »Worte und Spiele« (1998).

Aber während es bei Farocki im altmodisch aufklärerischen Sinn darum geht, die im Alltag moderner Erwerbsarbeit verborgen bleibende Arbeit sicht- und nachvollziehbar zu machen, sind Youtube-Coaching­filme nicht analytisch, sondern präskriptiv. Sie enthüllen nicht eine im Alltag unbemerkte Arbeit, sondern verpflichten virtuell jeden, sich ­gerade solche Tätigkeiten, die sich der Arbeit zu entziehen scheinen, am eigenen Leib und in der eigenen Wohnung selbsttätig als Arbeit zu­zueignen.

Unbekannten dabei zusehen, wie sie ihr Leben in Ordnung bringen

Unbekannten dabei zusehen, wie sie ihr Leben in Ordnung bringen

Bild:
Screenshot Youtube

Es gibt also immer etwas zu tun, auch Entspannung, Lust und Selbstgenuss sind Leistungen, die immer aufs Neue erbracht werden müssen. Selbstobservierung, Selbstkontrolle und Supervision hören beim Schlafen nicht auf, und um die Lösung unangenehmer Aufgaben muss jeder sich selbst kümmern, um diese Selbst­tätigkeit wiederum anderen vorführen zu können. Das von Pfaller beschriebene interpassivische Genießen dürfte es unter solchen auf Versagung, Selbstgängelung und Selbstdressur zielenden Bedingungen schwer haben.

Einstellen könnte es sich am ehesten, wenn die Filme tatsächlich als etwas Fremdes angesehen würden: Unbekannte Menschen schauen ­unbekannten Menschen, die ihrerseits wissen, das Unbekannte ihnen zuschauen, bei merkwürdigen und gleichzeitig banalen Verrichtungen zu. Es ist eine Konstellation, die an Kurzfilme von Samuel Beckett erinnert, mit dem Unterschied, dass Rätselhaftigkeit und Absurdität hier nicht mehr gegenwärtig sind; sie ­gehören selbst zur Normalität.