Gangs in Russland
Über Wladimir Putins Russland heißt es häufig, dort herrsche eine »Kleptokratie«, in der gegen Korruption nicht vorgegangen werde. Doch Gerichtsverfahren wegen Korruptionsdelikten gehören zum Alltag. Bürgermeister haben inzwischen eine der riskantesten Positionen im Staatsapparat, so häufig landen sie wegen Korruptionsdelikten hinter Gittern.
Auch hochrangige Regierungsbeamte traf es in den vergangenen Jahren, darunter seit 2024 zahlreiche aus dem Verteidigungsministerium. Am 7. Juli sorgte der mutmaßliche Selbstmord des russischen Transportministers Roman Starowojt weltweit für die Schlagzeilen. Starowojt war vorgeworfen worden, Geld für den Bau von Verteidigungsanlagen in der temporär von der ukrainischen Armee besetzten Region Kursk veruntreut zu haben.
Oft landen jedoch die Amtsnachfolger der Verurteilten alsbald ihrerseits auf der Anklagebank. Die Korruption wird ständig bekämpft und lässt dennoch nicht nach. Trotzdem hält sich die Ansicht, dass Putins Herrschaft den gesetzlosen Verhältnissen der »wilden Neunziger« ein Ende gesetzt und zumindest mit der krassesten Korruption im Staatsapparat und den heftigsten Auswüchsen der Bandengewalt und organisierten Kriminalität aufgeräumt habe.
Zuerst die Gruppe Wagner und dann die reguläre russische Armee haben seit 2022 über hunderttausend Gefängnisinsassen als Soldaten rekrutiert.
Insbesondere Letzteres erscheint allerdings fragwürdig, wenn man sich einige Ereignisse der jüngsten Vergangenheit anschaut. Ende Juni begannen in der Millionenstadt Jekaterinburg am Ural Razzien und Festnahmen von aserbaidschanischstämmigen Personen wegen Mordfällen in den nuller Jahren.
Das Ergebnis bisher: über 50 Verhaftete, zwei davon starben in Haft, und eine Verschärfung der außenpolitischen Spannungen zwischen Russland und Aserbaidschan. Nachdem Fotos von misshandelten Festgenommenen aus Jekaterinburg öffentlich geworden waren, nahm die Polizei in Aserbaidschan ihrerseits russische Staatsbürger wegen angeblicher Drogendelikte und Spionage fest und ließ sie mit deutlich sichtbaren Platzwunden und anderen schweren Gesichtsverletzungen in den Gerichtssaal führen.
Im Mai 2025 endete in Moskau der Prozess gegen die sogenannte Taganskije-Gruppe, benannt nach dem Moskauer Bezirk Taganskij, wo sie in den Neunzigern ihre ersten Aktivitäten entfaltete. Der Prozess dauerte über fünf Jahre, nun haben die Anführer um Igor Schirnoklejew Strafen von bis zu 25 Jahre Haft erhalten. Einer der wichtigsten Anklagepunkte war die Ermordung von Aslan Usojan. Der damals 75jährige Yezide aus Georgien fiel 2013 in Moskau einem Scharfschützenattentat zum Opfer. Zuvor hatte der unter den Spitznamen »Baba Gurgur«, »Hassan der Blinde« und »Opa Hassan« bekannte Angehörige der Unterweltkaste »Diebe im Gesetz« bereits zwei Attentate überlebt.
Jahrzehntelanger Unterweltkrieg
Als »Diebe im Gesetz« werden Inhaber des höchsten Status der kriminellen Unterwelt in postsowjetischen Ländern bezeichnet. Sie erarbeiten sich den Status durch eine strenge Erhaltung von bestimmten Verhaltensregeln und sind berechtigt, als Schiedsrichter bei Konflikten Machtworte zu sprechen. Die Verletzung der Regeln führt zur »Entkrönung« und Verlust der »Ehre«.
Jahrzehntelang tobte ein Unterweltkrieg zwischen Usojan und dem georgischen »Dieb im Gesetz« Tariel Oniani, alias »Taro«. Usojan galt dabei als engster Mitstreiter des in den Neunzigern in New York City agierenden »Diebes im Gesetz« Wjatscheslaw Iwankow, alias Japontschik, der 2009 in Moskau getötet wurde. Der Kampf zwischen Iwankow sowie Usojan einerseits und Oniani andererseits wurde auch in der EU ausgetragen: In Frankreich, Spanien und Griechenland wurden bekannte »Diebe im Gesetz« ermordet.
Nach Usojans Tod wurde der ebenfalls aus Georgien stammende Yezide Sachar Kalaschow (»Schakro der Junge«) als sein Nachfolger gehandelt, der allerdings 2015 nach einer Schießerei in Moskau festgenommen und 2018 zu neun Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt wurde. Seit 2024 ist Kalaschow wieder auf freiem Fuß. Angeblich soll er im Gefängnis als Hüter des »Diebesgesetzes« zugestimmt haben, dass sich jene Gefängnisinsassen, die nach diesem »Gesetz« leben, zum Krieg in der Ukraine rekrutieren lassen dürfen, obwohl ihnen prinzipiell jegliche Kooperation mit dem Staat verboten ist.
Haftstrafen für Schwerverbrechen können erlassen werden
Zuerst die Gruppe Wagner, dann die reguläre russische Armee haben seit 2022 über hunderttausend Gefängnisinsassen als Soldaten rekrutiert. Wer den Krieg überlebt, dem können selbst jahrelange Haftstrafen für Schwerverbrechen erlassen werden; seit neuestem können sich auch Personen in Untersuchungshaft melden.
Wichtige Mitglieder von kurdisch-armenischen Strukturen aus dem Umfeld von Usojan beziehungsweise Kalaschow waren bereits seit Jahren in den 2022 von Russland offiziell annektierten Volksrepubliken Donezk und Luhansk aktiv. Im Februar 2025 fiel der Unternehmer Armen Sarkisjan einem Sprengstoffattentat in Moskau zum Opfer. Sarkisjan warb als Gründer des »Armenischen Bataillons« Freiwillige für den Kampf in der russischen Armee an und war zudem Vorsitzender des Boxverbands der sogenannten Donezker Volksrepublik.
Die Razzien gegen aserbaidschanischstämmige mutmaßliche Gangster gehen unterdessen weiter. In Moskau und Orenburg wurden zwei bekannte aserische Vertreter der »Diebe«-Kaste verhaftet. In Russland ist bereits die bloße Zugehörigkeit zu den »Dieben im Gesetz« strafbar. Für das »Bekleiden einer hohen Funktion in einer kriminellen Hierarchie« sieht das Strafgesetz zwischen acht und 15 Jahren Haft vor.