Ein ruhiger Ort für eine Pfeife
Nein, es ist wirklich kein aufmunternder Anblick, der sich einem an einigen Ecken des Frankfurter Bahnhofsviertels bietet: Menschen liegen zusammengesackt an Hauswänden, manche spritzen sich Heroin, andere ziehen an einer der kleinen Metallpfeifen, die es hier in vielen Kiosken zu kaufen gibt. Seit langem gehört das Viertel zu den Hotspots des Drogenkonsums in Deutschland.
Nun soll dort ein Suchthilfezentrum für Crack-Nutzer:innen entstehen. Das hat die Stadtverordnetenversammlung Anfang Juli beschlossen. Der Entscheidung waren erbitterte Debatten vorausgegangen – schließlich zerbrach daran sogar die Regierungskoalition aus FDP, SPD, Grüne und Volt. Denn die FDP war strikt gegen das Crack-Zentrum und stimmte auch dagegen. Nur dank der Linkspartei erhielt das Vorhaben eine deutliche Mehrheit. Vergangene Woche verließ die FDP dann die Koalition.
In einer repräsentativen Studie zur offenen Drogenszene in Frankfurt gaben 85 Prozent der Befragten an, »intensiv« Crack zu konsumieren, bei Heroin waren es 56 Prozent.
Für Heroin gibt es in Frankfurt am Main schon mehrere solcher Konsumzentren, in denen man sich in kontrollierter Umgebung die Droge spritzen kann. Doch Crack hat längst Heroin als wichtigstes Konsummittel abgelöst. In einer repräsentativen Studie zur offenen Drogenszene in Frankfurt gaben im Jahr 2024 85 Prozent der Befragten an, die Droge »intensiv« zu konsumieren, bei Heroin waren es 56 Prozent. »Intensiv« bedeutet, sie in den vergangenen 30 Tagen täglich oder nahezu täglich konsumiert zu haben – nicht wenige Abhängige konsumieren also sowohl Crack als auch Heroin.
Während Opioide wie Heroin den Bewegungsdrang dämpfen und beruhigend wirken, ist Crack stark aufputschend. Es sei eine »kurze, aber heftige Wirkung«, erklärt Bernd Werse der Jungle World. Er ist Leiter des Instituts für Suchtforschung und Professor für Soziale Arbeit und Sozialwissenschaftliche Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences.
Werse leitet regelmäßige Befragungen in der Frankfurter Szene, die wichtige Einblicke in deren Entwicklung geben. Diese zeigen klar eine wachsende Präferenz für Crack in Frankfurt. Kokain – die Basis für Crack – wird seit Jahren immer günstiger. Gleichzeitig stieg der Konsum von Kokain in Deutschland seit Jahren, nicht nur in der offenen Drogenszene. Der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht zufolge hat sich der Anteil der Erwachsenen zwischen 18 und 59 Jahren, die mindestens einmal im Jahr Kokain konsumiert haben, zwischen 2015 und 2021 mehr als verdoppelt, von 0,6 auf 1,6 Prozent.
Keine Chance, zur Ruhe zu kommen
Genug Angebot gibt es also in Frankfurt. Hinzu kommt: Crack ist einfacher zu konsumieren als Heroin. Auch das steigere die Attraktivität, so Werse. Die stete Suche nach einem neuen Kick könne Konsumierende tagelang wachhalten. Sie haben keine Chance, zur Ruhe zu kommen – mit den entsprechenden körperlichen und psychischen Auswirkungen.
Um diese zu lindern, ist ein spezialisiertes Zentrum für Crack-Konsument:innen nötig, sagt Gabi Becker der Jungle World. Die 65jährige ist seit 25 Jahren Geschäftsführerin der Frankfurter Integrativen Drogenhilfe (IDH). Sie kennt die Szene wie wenige andere und meint: »Es braucht erst mal Möglichkeiten, zu überleben, das ist der Ausgangspunkt.« Das geplante Crack-Zentrum soll nicht nur einen geschützten Raum für hygienischen Konsum bieten, wie es bei Heroin notwendig ist, sondern auch Schlafplätze bieten und eine Pause von der Jagd nach dem nächsten Crack-Stein ermöglichen.
Becker soll mit der IDH den gesonderten Frauenbereich betreuen. Sie ist überzeugt, dass der »Frankfurter Weg«, der 1991 von der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) eingeführt worden ist, der richtige ist.
»Magnet für Drogentourismus«
Dabei handelt es sich um einen »pragmatischen und akzeptierenden drogenpolitischen Ansatz«, wie auf der Website der Stadt nachzulesen ist. In den frühen Neunzigern hätten sich mehr als 1.000 Drogenabhängige täglich in der innerstädtischen Taunusanlage aufgehalten und offen konsumiert, heißt es dort. Auch wegen der zahlreichen Drogentoten hätten sich Polizei und Behörden von der Illusion verabschiedet, es »könne eine Lösung für die gesamte Drogenproblematik geben«. Stattdessen sollten besonders drängende Probleme gelindert und »Schadensminimierung« betrieben werden.
Zumindest Letzteres gelang. 1991 hatte es in Frankfurt noch beinahe 150 Todesfälle von Heroinabhängigen gegeben. Seit der Frankfurter Weg eingeschlagen worden ist, sind es laut der FAZ nur noch 20 bis 40 Drogentote pro Jahr.
Das Konzept haben sich inzwischen viele deutsche Städte zum Vorbild genommen. In jüngster Zeit wird es jedoch wieder in Frage gestellt. Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) schrieb im März in einem Gastbeitrag in der FAZ, das Bahnhofsviertel sei zum »Magnet für Drogentourismus« geworden. Das Frankfurter Modell sei nicht mehr zeitgemäß, es werde der »verschärften Situation durch neue Drogen nicht mehr gerecht«.
Law-and-order-Kurs
Auch der Frankfurter Oberbürgermeister Mike Josef (SPD) verfolgt seit seinem Amtsantritt 2023 eher einen Law-and-order-Kurs. Unter ihm wurden in der Frankfurter Innenstadt Waffenverbotszonen ausgeweitet, die Polizeipräsenz wuchs. Mit dem neuen Crack-Zentrum wollte Josef nun einen Aspekt des »Zürcher Modells« in Frankfurt einführen: In der Schweizer Großstadt sind Hilfsangebote für Drogenabhängige nur für Einheimische nutzbar. Das sollte auch für das neue Crack-Zentrum sowie für die Jugendberatung und Jugendhilfe e.V. (JJ) gelten. Man könne nicht ganz Süddeutschland bei der Betreuung von Drogenabhängigen mitversorgen, so Josef.
Doch Josefs Vorstoß stieß bei seinen Koalitionspartnern auf Ablehnung. Die Stadtverordnetenversammlung lehnte ihn Anfang Juli ab, nachdem ihn der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Frankfurt (AKS) scharf kritisiert hatte. »Selbst wenn diese Menschen in die Städte zurückkehren würden, aus denen sie oder ihr Pass stammen, selbst dann würde das nicht (rechtzeitig) zu mehr Hilfsangeboten führen«, hieß es darin.
Dass Oberbürgermeister Mike Josef in dieser Frage weiten Teilen der FDP nähersteht als an seiner eigenen Partei, hat den Bruch der Koalition nicht verhindert. Die FDP kritisierte, dass ihre Koalitionspartner die Stimmen anderer Parteien gesucht hätte. Sie hätten mit einer »Linksaußen-Mehrheit«, unter anderem »im Schulterschluss mit ›Die Linke‹, Ökolinx-ELF, BSW«, die »Stellung Frankfurts als Suchtmagnet für ganz Süddeutschland« zementiert, hieß es in einer Pressemitteilung.
»Die Hilfe muss dort anfangen, wo die Menschen sind. Ein ›aus den Augen, aus dem Sinn‹ funktioniert nicht.« Gabi Becker, Geschäftsführerin der Frankfurter Integrativen Drogenhilfe (IDH)
Wie es bis zur Kommunalwahl im März 2026 weitergeht, ist derzeit unklar. Für vorgezogene Wahlen bestehen auf kommunaler Ebene nahezu unüberwindliche Hindernisse. Die FDP stellt zwei Dezernentinnen – eine davon, die Dezernentin für Ordnung und Sicherheit, Annette Rinn, hatte sich für das Suchthilfezentrum ausgesprochen.
Lokale Wirtschaftsvertreter hingegen hatten sich vehement gegen das Crack-Zentrum eingesetzt. Die Eigentümerinitiative Bahnhofsviertel, ein Zusammenschluss von 20 Immobilienunternehmen, der Frankfurt Hotel Alliance und der Industrie- und Handelskammer, hatten gefordert, das Zentrum an einem weniger innenstadtnahen Ort zu errichten. Dem hatten sich »über 100 Frankfurter Persönlichkeiten« in einem offenen Brief angeschlossen.
»Die Hilfe muss dort anfangen, wo die Menschen sind. Ein ›aus den Augen, aus dem Sinn‹ funktioniert nicht«, hält Gabi Becker dagegen. Viele der Konsument:innen seien rein körperlich nicht in der Lage, weite Strecken zurückzulegen. Für viele sei das Bahnhofsviertel mit Prostitution, Flaschensammeln und in einigen Fällen auch Kleinkriminalität die primäre Einkommensquelle.
Akzeptierende Drogenpolitik einziger Weg?
Die Gesundheitsdezernentin Elke Voitl (Grüne) gab T-Online zufolge auf einer Informationsveranstaltung noch etwas zu bedenken: Selbst wenn es gelingen sollte, die Drogenkonsumenten an einen anderen Standort zu führen, würde die Dealer-Szene nicht mit umziehen. Denn die offene Szene mache, wenn überhaupt, fünf bis zehn Prozent der Umsätze für die Dealer aus, argumentierte die Dezernentin. »Der Rest geht in die Büro- und Bankentürme, der geht zu denen, die Party machen, der geht dahin, wo Leute am Bahnhof schnell einkaufen und wieder weggehen.«
Gabi Becker sagt: »Wir haben alle ein Interesse daran, dass sich die Menschen aus dem Bahnhofsviertel herausbewegen können. Aber dafür braucht es eine Möglichkeit, zu überleben und dann auch Veränderung zu bewirken.« Damit bringt sie auf den Punkt, was in der Diskussion über das Zentrum oft zu kurz kommt: dass es um Hilfe geht, um Schadensbegrenzung, um Menschenleben und eben nicht darum, ob es schön aussieht, wenn Menschen mit einer Spritze in der Vene oder einer Crack-Pfeife in der Hand im Dreck sitzen.
Ministerpräsident Rhein habe in seinem FAZ-Beitrag das Frankfurter Bahnhofsviertel als »ein geschlossenes Ökosystem aus Kriminalität und Hilfe« dargestellt, sagt Becker. Doch sie glaubt weiterhin, dass die akzeptierende Drogenpolitik der einzige Weg sei, Drogenabhängigen einen Ausstieg zu ermöglichen. Sie zeigt sich überzeugt, dass viele es versuchen würden, wenn man ihnen die Möglichkeit gäbe: »Sie werden dort niemanden finden, der sagt: ›Genau so habe ich mir mein Leben vorgestellt.‹«