Wenn die Sonne knallt
Es sei eigentlich ganz einfach, sagt Janina B. der Jungle World: »Wir brauchen gegen Hitze alles, was allen anderen Menschen im Sommer auch hilft.« B. engagiert sich bei der Wohnungslosen-Stiftung, einem Netzwerk wohnungsloser Menschen. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was Obdachlose im Sommer am dringendsten brauchen: Oft suchen sie vergeblich eine Möglichkeit, Wasserflaschen kostenlos aufzufüllen, oder nach schattigen Plätzen und kühlen Orten, an denen sie sich aufhalten können, ohne von Sicherheitsdiensten verjagt zu werden.
»In Bahnhöfen ist es zwar kühl, aber lange kann man da nicht sein. Da werden obdachlose Menschen sofort rausgeworfen«, berichtet B. Bei den wenigen Rückzugsräumen wiederum, zum Beispiel denen der Stadtmission, gelte oft ein Rotationsprinzip: Nach höchstens einer Stunde müsse man Platz für die Nächsten frei machen und werde zurück in die Hitze geschickt. Auch über Kleinigkeiten wie Sonnencreme, Sonnenbrillen, die richtige Kleidung und Kopfbedeckungen verfügen Obdachlose oft nicht, erzählt Janina B.
»In Bahnhöfen ist es zwar kühl, aber lange kann man da nicht sein. Da werden obdachlose Menschen sofort rausgeworfen.« Janina B., Wohnungslosen-Stiftung
Einige Medien haben für dieses Jahr vor einem »Jahrhundert-« oder sogar einem »Höllensommer« gewarnt. Seriöse Prognosen, etwa vom Max-Planck-Institut, sind zurückhaltender, gehen aber in der Tat davon aus, dass dieser Sommer überdurchschnittlich heiß wird. Vor allem für ältere und gesundheitlich angeschlagene Menschen ist Hitze ein enormes Gesundheitsrisiko. Dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge hat die Hitze in Deutschland in den vergangenen beiden Jahren jeweils etwa 3.000 Todesopfer gefordert.
In Städten ist es in der Regel noch heißer als auf dem Land – und obdachlose Menschen leiden darunter besonders. Viele haben Vorerkrankungen, leiden unter Mangelernährung oder sind auf die Einnahme von temperaturempfindlichen Medikamenten und Psychopharmaka angewiesen. Wer auf der Straße lebt, hat kaum Zugang zu schattigen, kühlen Orten und Trinkwasser.
All das steigert das Risiko von Dehydrierung, Verbrennungen und Hitzeschlägen und erschwert zusätzlich die Wundheilung. Obdachlose Menschen sind zudem in der Regel nicht krankenversichert und damit von der medizinischen Regelversorgung ausgeschlossen. Die Arztpraxen und Ambulanzen, die ihnen zur Verfügung stehen, sind unterfinanziert und werden dem Bedarf nicht annähernd gerecht.
Hitzeschutzplan enthält nur Empfehlungen
2023 hat das Bundesgesundheitsministerium zum ersten Mal einen Hitzeschutzplan vorgelegt. Er enthält jedoch nur Empfehlungen, für die Umsetzung sind Länder und Kommunen zuständig. Abgesehen von tagsüber geöffneten Notunterkünften, die Duschen und Aufenthaltsräume anbieten, gibt es in manchen Großstädten – zum Beispiel Berlin – in den Sommermonaten Hitzebusse. Mit diesen drehen Mitarbeiter:innen verschiedener sozialer Träger ihre Runden an Orten, an denen sich oft obdachlose Menschen aufhalten, und versorgen sie mit Wasser, Sonnencreme und leisten im Ernstfall Erste Hilfe.
Das Hamburger Straßenmagazin Hinz und Kunzt kritisierte jedoch kürzlich den »Hitzeaktionsplan« des Stadtstaats. Dieser sehe »kaum Schutzmaßnahmen explizit für Obdachlose« vor, »wie zum Beispiel gekühlte Räume für Menschen ohne Wohnung oder wenigstens ganztägige Öffnungen der Notunterkünfte an heißen Tagen«.
In dem Hamburger Hitzeaktionsplan werden zwar obdachlose Menschen als besonders vulnerable Gruppe hervorgehoben. Doch gleichzeitig werden darin Orte aufgeführt, die der Bevölkerung zur Abkühlung empfohlen werden, zu denen Obdachlose kaum Zutritt haben: Einkaufszentren, Bibliotheken und Museen zum Beispiel.
Notunterkünfte auch im Sommer durchgängig öffnen
Das bestätigt auch Stefan Schneider. Er ist einer der Geschäftsführer der Wohnungslosen-Stiftung. Im Gespräch mit Jungle World fügt er hinzu, dass die Angebote der Hitzehilfe, die sich dezidiert an obdachlose Menschen richteten, oftmals da eingerichtet würden, wo diese nicht störten. Manche kommunalen Hilfsangebote trügen deshalb sogar zur Verdrängung von Obdachlosen aus der Öffentlichkeit bei.
Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), der Dachverband der Dienste und Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe, fordert seit langem, Notunterkünfte auch im Sommer durchgängig zu öffnen. Derzeit bieten sie oft nur einige Stunden am Tag und fast nie nachts Aufenthaltsräume, Duschen und Verpflegung an.
Berit Pohns von der BAG W betont im Gespräch mit der Jungle World, dass es bei dieser Forderung nicht nur um Hitzeschutz gehe: »Wir sprechen hier über sämtliche Extremwetterlagen. Das gilt zum Beispiel auch für plötzliche Gewitter. Die Menschen müssen die Möglichkeit haben, sich jederzeit zurückzuziehen und beispielsweise nasse Kleidung zu trocknen.«
»Hitze war lange ein Umweltthema«
Hinzu kommen, so Pohns, viele allgemeinen Forderungen aus der Wohnungslosenhilfe, deren Erfüllung auch im anstehenden Hitzesommer einen großen Unterschied machen würde. So fordere die BAG W seit langem, obdachlose Menschen in die medizinische Regelversorgung aufzunehmen und so unbürokratisch Arztbesuche zu ermöglichen.
Positiv sei, dass das Thema Hitze stärker beachtet werde, so Pohns: »Hitze war lange ein Umweltthema«, erst seit einigen Jahren werde auch ihre gesundheitspolitische Bedeutung ernst genommen. Doch auf Bundesebene müsse mehr getan werden. Die BAG W schlägt einen bundesweiten Hitzefond vor, auch sollten Kommunen gesetzlich verpflichtet werden, Hitzeschutzpläne zu erstellen.
»Der Ausbau der Kälte- und Hitzehilfe ist bürgerlich anschlussfähig, denn dann muss nicht über die tatsächlichen Probleme und Lösungen gesprochen werden.« Stefan Schneider, Geschäftsführer der Wohnungslosen-Stiftung
Janina B. merkt an, dass die Kälte- und Hitzehilfe nicht das ganze Jahr über im Einsatz ist: Die Angebote der Kältehilfe seien von Oktober bis April verfügbar, die Hitzehilfe von Juni bis August, für die Zeit dazwischen gebe es keine Angebote.
Die Wohnungslosen-Stiftung betont jedoch auch, dass der Fokus nicht nur darauf liegen dürfe, bestehende Maßnahmen auszuweiten. Oft handle es sich um »Schaufensterangebote«, sagt Stefan Schneider: »Der Ausbau der Kälte- und Hitzehilfe ist bürgerlich anschlussfähig, denn dann muss nicht über die tatsächlichen Probleme und Lösungen gesprochen werden.« Er und die Wohnungslosen-Stiftung fordern eine andere Herangehensweise: »Wir müssen über das Recht auf Wohnraum sprechen. Nur eine Wohnung bedeutet tatsächlichen Schutz.«