Gisèle Pelicot: Prozess überstanden
Paris. Die ganze Welt kennt mittlerweile das Gesicht von Gisèle Pelicot: eine mutige Frau, die sich elf Wochen lang einem Prozess stellte, in dem 50 Männer beschuldigt wurden, sie auf Einladung ihres damaligen Manns Dominique Pelicot, der sie unter Drogen gesetzt hatte, vergewaltigt zu haben.
Die Taten ereigneten sich in einem Zeitraum von zehn Jahren. Am 25. November 2024 – dem internationalen Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen – zierte Gisèle Pelicot die digitale Titelseite der deutschen Ausgabe von Vogue.
Nach dem Urteilsspruch am 19. Dezember lobten führende europäische Politiker wie der französische Präsident Emmanuel Macron, der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez und der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz Gisèle Pelicot für ihren Mut und dankten ihr. Dominique Pelicot wurde zu einer Strafe von 20 Jahren und seine 50 Mitangeklagten zu drei bis 15 Jahren Haft verurteilt, was unter dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Strafmaß lag.
Wie konnte das, was eine schmutzige Affäre in einem ländlichen Departement, dem Vaucluse, hätte bleiben können, zum internationalen Symbol für die »Me Too«-Bewegung werden? Das liegt an Gisèle Pelicots unerschütterlichem Willen, das ihr Angetane in die öffentliche Debatte zu bringen. Vor Gericht begründete sie den Verzicht auf den in solchen Fällen üblichen Ausschluss der Öffentlichkeit damit, hierdurch dazu beitragen zu wollen, dass »alle Frauen, die vergewaltigt wurden, sich nicht mehr schämen müssen«, und gab entschlossen zu Protokoll, sie wolle die »machistische und patriarchalische Gesellschaft« verändern.
Die Anwältin einer der Anklagten, Nadia el-Bouroumi, fragte unter Tränen: »Wie kann man sich vorstellen, dass diese Männer Vergewaltiger sind?«
Der Fall hat gleichzeitig einen außergewöhnlichen und sehr gewöhnlichen Charakter. Im Zeugenstand betonte ein psychiatrischer Sachverständiger, dass es bei diesen 50 Männern kein »kriminologisches Profil eines Serienvergewaltigers« gebe, und das, obwohl einer der Anklagten insgesamt sechsmal in die Wohnung des Ehepaars Pelicot gekommen war. Ein anderer Gutachter stellte fest, dass es bei sieben Angeklagten keine »abweichenden oder perversen Tendenzen« gebe, obgleich zwei von ihnen im Besitz von kinderpornographischen Fotos waren.
Unter den Tätern waren Journalisten, Feuerwehrleute, Gefängniswärter, Elektriker, Handwerker, ehemalige Polizisten, Krankenpfleger sowie Stadträte. 37 der insgesamt 50 neben Dominique Pelicot angeklagten Männer waren zudem Familienväter – allesamt Durchschnittsbürger, ganz normale Männer, die meisten von ihnen kamen aus einem Umkreis von 50 Kilometern um den Wohnort der Pelicots. Gisèle Pelicot selbst sagte im Prozess: »Ich versuche zu verstehen, wie dieser Herr, der für mich der perfekte Mann war, an diesen Punkt gelangen konnte.«
Nur durch Zufall entdeckt
Dass Dominique Pelicot verhaftet wurde und in der Folge auch die anderen Männer ermittelt werden konnten, ist nur einem Zufall zu verdanken. Er musste erst dabei erwischt werden, wie er in einem Supermarkt heimlich Frauen unter den Rock filmte, und es brauchte einen Polizisten, der bei der Sichtung der Bilder auf Pelicots Mobiltelefon engagiert einem Anfangsverdacht nachging, damit die jahrelange sexuelle Misshandlung von Gisèle Pelicot ein Ende fand. Dominique Pelicot hatte die Taten an seiner Frau in Hunderten Fotos und Filmen dokumentiert.
Jahrelang konnte er unbehelligt seine Komplizen auf einer inzwischen geschlossenen Website namens Coco.gg – einer Art Darknet, aber für alle verfügbar – rekrutieren. Dabei ging der Ruf der Website weit über ihre Nutzer hinaus. Kinderschutzorganisationen und Vereine, die sich gegen Homophobie stark machen, warnten seit Jahren vor der Website und forderten ihre Schließung. Nach Angaben der französischen Staatsanwaltschaft waren allein seit 2021 über 20.000 Verfahren gegen die Website eröffnet worden.
20 Jahre lang beherbergte diese Tausende von Diskussionen, einige davon mit pädophilem Inhalt. Junge Mädchen chatteten dort mit älteren Männern und machten ihnen klar, dass sie minderjährig waren. Im April vorigen Jahres wurden elf von jenen vor Gericht gestellt, die sexuelle Beziehungen mit einer 13jährigen gehabt haben sollen. Auf der Website verabredete man sich außerdem dazu, Homosexuellen aufzulauern, um sie zu verprügeln. Die Angeklagten, die behaupteten, von Gisèle Pelicots Nichteinwilligung nichts gewusst zu haben, trafen sich in einem Forum mit dem Titel »À son insu« (Ohne ihr Wissen).
Viele Täter hielten sich für die wahren Opfer
Die Tatsache, dass den Angeklagten so schwere Delikte vorgeworfen wurden, hätte nahegelegt, dass sie sich während des Prozesses bedeckt halten. Doch nichts dergleichen, alle Ausreden waren ihnen recht, um nicht die Verantwortung für ihre Taten übernehmen zu müssen: Beeinflussung durch Dominique Pelicot, keine Freude bei der Tat, Dummheit oder Naivität, einige führten als Ausrede an, sie seien als Kind selbst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden.
Viele waren der Meinung, dass sie die wahren Opfer in diesem Fall seien: Sie bedauerten die Tatsache, dass sie verhaftet worden waren, und warfen Dominique Pelicot vor, sie gefilmt zu haben. »Ich bin kein Vergewaltiger, ich wurde reingelegt«, meinte einer. Ein anderer sagte: »Mein Körper hat sie vergewaltigt, aber nicht mein Gehirn.« »Monsieur hat mir gesagt, dass es kein Problem gibt«, sagte der 22jährige, der insgesamt sechsmal in die Wohnung der Pelicots kam. Ein weiterer meinte, sich mit der Auskunft verteidigen zu können, dass, wenn er hätte vergewaltigen wollen, er keine »57jährige Frau vergewaltigt (hätte), sondern eine schöne«. Oder: »Ich habe mir vorgestellt, dass sie tot ist (…). Ich habe mir alles vorgestellt, außer dass sie unter Drogen steht.« Was Dominique Pelicot betrifft, so gab seine Anwältin an, dass er »seine Strafe nicht verstanden« habe.
Die Anklagten zeigten eine Haltung der Verleugnung, die von einigen ihrer Anwälte gefördert wurde, beispielsweise von Nadia el-Bouroumi, die vor Gericht unter Tränen rhetorisch fragte: »Wie kann man sich vorstellen, dass diese Männer Vergewaltiger sind?« Dann griff sie die »Meute«, wie sie das Publikum bezeichnete, an: »Das ist alles, was man an den Leidenschaften des Menschen hasst.« Gegen ihren Kollegen Christophe Bruschi, ebenfalls Verteidiger im Fall Pelicot, wurde eine standesrechtliche Untersuchung eingeleitet, weil er Feministinnen als »Hysterikerinnen«, »Strickerinnern« und »schlecht gelaunt« verächtlich gemacht hatte. Auch über Journalisten und Unterstützer von Gisèle Pelicot äußerten sich Angeklagte und deren Verteidiger regelmäßig aggressiv.
»Misshandlung im Gerichtssaal«
Gisèle Pelicot sagte, sie habe »Verständnis dafür, dass Vergewaltigungsopfer keine Anzeige erstatten«. Trotz der überwältigenden Beweise – unter anderem wurden die Filme der Vergewaltigungen vor Gericht gezeigt – wurde ihre Glaubwürdigkeit von den Verteidigern immer wieder in Frage gestellt, mal wurde sie der Komplizenschaft verdächtigt, mal der Alkoholabhängigkeit. So sehr, dass ihr Anwalt, Antoine Camus, eine »Misshandlung im Gerichtssaal« anprangerte.
Im Zuge der Ermittlungen kam der Verdacht auf, dass Dominique Pelicot auch seine Tochter, Caroline Darian, sexuell missbraucht haben könnte. Auf einer seiner Festplatten wurde ein Ordner mit dem Titel »ma fille à poil« (meine splitternackte Tochter) gefunden. »Der einzige Unterschied zwischen Gisèle und mir ist, dass es bei ihr Beweise gibt. Für mich ist es das absolute Drama«, sagte Darian. Sie hat einen Verein gegründet, #MendorsPas (Betäube mich nicht), der über »chemische Unterwerfung« (die heimliche Verabreichung von Betäubungsmitteln bei sexuellem Missbrauch und Vergewaltigungen) aufklären und die Opfer unterstützen soll. Was ihre Mutter betrifft, so fragt sie sich immer noch, ob diese sich mit 72 Jahren wieder aufbauen könne, und gestand zu Beginn der Anhörungen: »Die Fassade ist solide, aber innen ist es ein Trümmerfeld.«
Wird der Prozess langfristige Konsequenzen haben? In Frankreich werden Maßnahmen ergriffen, um es zu erleichtern, Versuche chemischer Unterwerfung mittels Verwendung von Screening-Kits aufzudecken, und das Pflegepersonal zu sensibilisieren. Viele Frauen sagen, dass sie Mut aus dem Beispiel von Gisèle Pelicot schöpften. Sollte das Strafgesetz geändert werden, um das Konsensprinzip darin ausdrücklich festzuschreiben? Das wird nach dem Prozess verstärkt diskutiert. Viele der Angeklagten hatten Freispruch gefordert, da sie nichts von der fehlenden Zustimmung Gisèle Pelicots gewusst hätten.
Wird die kürzlich erfolgte Schließung von Dutzenden Telegram-Chats, in denen Männer Tipps zur chemischen Unterwerfung von ihnen nahestehenden Frauen austauschten, gewissermaßen der Fall Pelicot Deutschlands werden?
Das internationale Aufsehen, das dieser Fall erregt hat, zeigt ein weiteres Mal, dass Gewalt gegen Frauen weltweit verbreitet ist und weiterhin banalisiert wird. Der Fall Pelicot erinnert an andere, wie den Fall des »Wolfsrudels« 2016 und des »deutschen Rudels« 2023 in Spanien, Gruppenvergewaltigungen, bei denen die Täter die Tat filmten und im ersten Fall anschließend über Whatsapp verbreiteten.
Auch die zahlreichen Fälle von versteckten Kameras in Toiletten und anderen Orten, die in Südkorea 2016 zur Entstehung der feministischen Bewegung 4B geführt haben, die inzwischen weltweite Verbreitung findet, gehören in diesen Zusammenhang. Wird die kürzlich erfolgte Schließung von Dutzenden Telegram-Chats, in denen Männer Tipps zur chemischen Unterwerfung von ihnen nahestehenden Frauen austauschten, gewissermaßen der Fall Pelicot Deutschlands werden? Indes ist dieser selbst noch nicht beendet: Der Guardian berichtete, dass mindestens 15 der verurteilten Männer Berufung einlegen werden.