Elend und Erkenntnis
»Ihr Unglücklichen seid,
Land, du bist zu beklagen!
Du entsetzliche Ansammlung,
ach, aller Plagen!
Schmerz, der sinnlos doch ist,
aber ewig nicht ruht!
Philosophen, getäuscht,
sagen: ›Alles ist gut.‹«
Voltaire
Die Katastrophe brach am 1. November 1755 völlig unerwartet über die Einwohner:innen Lissabons herein. Gegen 9.30 Uhr – so die Überlieferungen – bebte die Erde. Das Epizentrum lag nicht weit vor der Küste der Hafenstadt, jedoch machten sich die Auswirkungen des Bebens von Marokko bis nach Skandinavien und Hamburg bemerkbar. Das Hauptbeben dauerte knapp zehn Minuten – doch diese kurze Zeitspanne reichte aus, Tausende Gebäude zum Einsturz zu bringen und deren Bewohner:innen unter den Trümmern zu begraben. Wer ins Freie flüchten konnte, war allerdings noch nicht gerettet. Auf das Beben folgten verheerende Feuersbrünste, die die noch stehenden Gebäude zerstörten und die Menschen bei lebendigem Leibe verbrannten. Noch während das Feuer wütete, ergoss sich eine 15 Meter hohe Flutwelle vom Meer aus in die Mündung des Tejo, zerstörte den Hafen, riss Schiffe los und ertränkte die Menschen, die sich vor dem Beben und dem Feuer an den Strand gerettet hatten. Das Toben der vier Elemente erfolgte in kurzen Zeitabständen, fast kausal, so dass auch die aufgeklärten Zeitgenossen eine Art Muster hinter dem Elend zu erkennen glaubten.
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