Antisemitismus ist out, nun soll Imperialismus den Holocaust erklären

Die Vergangenheit, die vergehen soll

Der sogenannte Historikerstreit 2.0 hat einen dezidiert politischen Ausgangspunkt. Ein vermeintliches Tabu, Israel zu kritisieren, soll angegriffen werden – auf dem Feld der Geschichtswissenschaften.

Mit der Diskussion über die Schriften des postkolonialen Theoretikers Achille Mbembe im Jahr 2020 ging der sogenannte Historikerstreit 2.0 aus der Fachdebatte in eine öffentliche Diskussion über. Im Jahr 2021 wurde sie durch die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung von Michael Rothbergs 2009 erschienenem Werk »Multidirectional Memory« (»Multidirektionale Erinnerung«) weiter angefacht. Im Mai desselben Jahres wurde schließlich Dirk Moses’ in dem Online-Magazin Geschichte der Gegenwart veröffentlichter Essay »Der Katechismus der Deutschen« ein internationaler Aufmerksamkeitserfolg.

Anzeige

Moses’ Essay kann als Schlüsseltext des »Historikerstreits 2.0« verstanden werden. Manche begrüßten ihn als notwendige politische Intervention, andere als geschichtspolitisches Manifest ­eines postkolonialen Angriffs auf die Holocausterinnerung sowie die Kritik des Antisemitismus und Antizionismus. Von postkolonialer Seite wird dabei nicht weniger als eine Neukonzeption des bundesrepublikanischen und globalen Erinnerns an den Holocaust eingefordert: Eine vermeintlich übermäßige Fokussiertheit auf den Holocaust ginge zu Lasten anderer Ereignisse der Weltgeschichte wie des Kolonialismus. Wortführer des Paradigmenwechsels unter postkolonialen Vorzeichen fordern eine (stärkere) Einbettung des Na­tionalsozialismus und des Holocaust in die Geschichte von Imperialismus und Kolonialismus. Auch argumentieren sie gegen eine Auslegung der Singularitätsthese des Holocaust, die eigentlich seit den Sechzigern nicht mehr dem Stand der Debatte entspricht.

Der Antisemitismus geht weder im Kolonialrassismus noch im Anti­slawismus oder Antiziganismus auf.

Kritische Stimmen zur geforderten Neukonzeption wie die von Natan ­Sznaider, Dan Diner, Sybille Steinbacher und Saul Friedländer bemängeln den Vorstoß mindestens in Teilen als Relativierung von Antisemitismus und Holocaust. Worauf die Befürworter wiederum nicht selten mit Vorwürfen des Provinzialismus (siehe Seite 4), Eurozentrismus, McCarthyismus oder gar einer »Hexenjagd« reagierten und ein angebliches Diskussionsverbot skandalisierten. Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg sahen sich als zentrale Protagonisten der postkolonialen erinnerungspolitischen Intervention in ihrem Zeit-Essay »Enttabuisiert den Vergleich!« gar einer »provinziellen Pose« ausgesetzt, »die Erinnerungen an Kampagnen gegen (jüdischen) Kosmopolitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weckt«.

Letztendlich besteht das Anliegen vieler Streiter für die postkoloniale ­Position im neuen Historikerstreit darin, den Kolonialismus im Allgemeinen stärker zu thematisieren. Was für sich genommen ein berechtigtes Anliegen ist, kann in der Verknüpfung mit der ­Erinnerung an den Holocaust aber bedeuten, diesen und den Nationalsozialismus in eine Meistererzählung über den Kolonialismus einzuebnen. Der Kolonialismus wird hierbei als die bestimmende historische Kontinuität für die Gegenwart und auch für den Nationalsozialismus verstanden.

Die geforderte Globalisierung des Erinnerns an den Holocaust ist bereits vor dem »Historikerstreit 2.0« verwirklicht worden. Ein Vorstoß in diese Richtung, der aus der Gedenkstättenpädagogik kommt und versucht, die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus für Menschen ohne Nazi-Vorfahren und mit Migrationsbiographie zugänglicher zu machen, ist die »multidirektionale Erinnerung«. Diskriminierungs-, Verfolgungs- und Fluchterfahrungen werden als Einstiegsthemen gewählt, um einen identitätsstiftenden Erstzugang zum Thema zu bieten. Das kann in der pädagogischen Praxis sinnvoll sein. Den Holocaust in der Wissenschaft als allgemeingültige Chiffre für die Artikulation von Menschheitsverbrechen heranzuziehen, wie Rothberg es tut, eignet sich für ein weitergehendes theoretisches Verständnis des Nationalsozialismus allerdings nicht.

Dass Israel so häufig Gegenstand der Diskussionen des »Historikerstreit 2.0« war, schien viele Menschen zu über­raschen, obwohl es nur als logische Konsequenz gesehen werden kann. Wie Dirk Moses in seinem »Katechismus«-Essay darstellte, seien die fünf Grundüberzeugungen des vermeintlichen Katechismus in der Konsequenz dafür verantwortlich, dass »Israelkritik« in Deutschland unmittelbar mit dem Vorwurf des Antisemitismus abgewehrt werde.

Der Ausgangspunkt der akademischen Debatte ist also ein hochpolitischer: Die Frage nach Israel – man könnte sagen, in Teilen auch das Infragestellen Israels. Israelfeindschaft und Antizionismus unter den Schutz der freien Rede zu stellen, scheint ein ­wesentliches Anliegen vieler Diskutanten des neuen Historikerstreits zu sein. Diese Intervention vollzog sich nicht zuletzt mit Hilfe der im Zuge der Mbembe-Debatte gegründete »Initiative GG 5.3« und der Jerusalem ­Declaration of Antisemitism (JDA) aus dem Jahr 2021.

Ein zentraler Punkt des »Historikerstreits 2.0« ist die Auslegung der These der Singularität des Holocaust. Singu­larität ist ein missverständlicher Begriff, denn singulär im Sinne, dass er etwas Unerklärliches sei oder sich nicht wiederholen könnte, ist der Holocaust ­natürlich nicht. Vor 60 Jahren mag so ein Verständnis verbreitet gewesen sein. Heutzutage wird der Begriff allerdings meistens eher im Sinne von Präzedenzlosigkeit verwendet, wie Yehuda Bauer es vorgeschlagen hat. Im Zentrum seiner Definition stehen die ideologische Motivation hinter der ­Judenverfolgung, deren universeller Charakter und die Totalität der Vernichtung.

Dennoch haben Zimmerer und Rothberg in ihrem Zeit-Essay aus dem Jahr 2021 eine »Enttabuisierung des Vergleichs« gefordert. Sie monierten, dass die These der Singularität des Holocaust automatisch einen Vergleich verbiete, weil sie den Holocaust aus der Geschichte herauslöse. Doch weder gibt es ein Vergleichstabu, noch bedeutet Singularität notwendigerweise, dass ein Ereignis aus der Geschichte herausfällt.

Die sachlich nicht gerechtfertigte Forderung Zimmerers und Rothbergs wurde im Historikerstreit immer wieder vorgebracht. Obwohl ihre Kritiker immer wieder deutlich betonten, dass ein Vergleich ja gerade notwendig ist, um das Präzedenzlose erkennen zu können, wurde der Vorwurf der Tabuisierung aufrechterhalten.

Präzedenzlos am Holocaust ist die Ideologie des Antisemitismus, die den Juden eine globale, übermächtige und gleichzeitig untermenschliche, bösartige Verschwörung zuschreibt, die zum Wohle der Welt auszulöschen sei. »Alle und überall« – so fasste Dan Diner dies kürzlich auf einer Konferenz in Berlin zusammen. Man möchte höchstens noch seine Worte aus dem Buch »Gegenläufige Gedächtnisse« hinzufügen: »jenseits von Konflikt, Gegnerschaft oder politischer Feindschaft«. Diese Ideologie geht weder im Kolonialrassismus noch im Antislawismus oder im Antiziganismus auf, auch wenn es Überschneidungen selbstverständlich gab und gibt.

Laut Moses’ »Katechismus«-Text beruht diese Analyse allerdings auf ­einem »falschen Geschichtsverständnis«. In seinem nahezu gleichzeitig ­erschienenen Buch »The Problems of Genocide« unterstellt er, dass es sehr wohl einen konkreten Konflikt gegeben habe, auf den die Nazis imperial ­reagierten – wenngleich paranoid übersteigert und maßlos generalisierend. Denn zwar waren nur eine Minderheit der Juden tatsächlich Bolschewisten, für »paranoide Antisemiten«, so Moses, hätte das aber ausgereicht, alle ­Juden als die »asiatische Gefahr« für Europa zu sehen. Der Holocaust erhält somit den Status einer präventiven Gegenmaßnahme. Das schließlich sei, wie Moses im »Katechismus«-Text postuliert, »keineswegs einzigartig und in der Weltgeschichte ein verbreitetes Muster«. Das drängt beunruhigende Assoziationen zu Ernst Noltes Behauptung der »asiatischen Tat« auf, mit der er im ersten Historikerstreit die NS-Verbrechen als Reaktion auf den »Klassenmord« in der Sowjetunion darstellte.

Bei aller Kritik im Einzelnen sind sich vermutlich alle Beteiligten des »Historikerstreits 2.0« darüber einig, dass es möglich ist, koloniale Elemente des NS-Feldzugs im Osten zu benennen, ohne damit den Nationalsozialismus oder den Holocaust mit dem deutschen Kolonialismus im imperialen Zeitalter gleichzusetzen. Auch dar­über, dass das Gedenken an verschiedene historische Verbrechen durchaus gepflegt werden und dass ein Austausch stattfinden sollte, ohne partikulare Erfahrungen dabei abzuwerten. Offen bleibt, in welche Richtung der Streit um die Beispiellosigkeit des Holocaust führt. Von Moses kommen hier bedenkliche Impulse, wenn er die Kritik des israelbezogenen Antisemitismus »als öffentlichen Exorzismen« bezeichnet, »die unter der Aufsicht selbsternannter ›Hohepriester‹« vorgenommen würden.

Letztendlich liefe der geforderte ­Paradigmenwechsel darauf hinaus, dass nicht die Tradition des Antisemitismus, sondern die des Imperialismus den Holocaust erklärt. Ob sich diese Sicht durchsetzt, ist fraglich. Anschlussfähig ist sie allerdings für verbreitete postkoloniale Argumente, die sich auf Hannah Arendt zu berufen meinen, wenn sie im Holocaust letztendlich »nur« einen nach innen gekehrten Imperialismus oder Kolonialismus im »weißen« Europa erkennen wollen, der sich nicht fundamental von anderen Genoziden unterscheide.