Das fetischisierte Arbeitskonzept der KPD bot einen Rahmen, in das antisemitische Vorstellungen gut passten

Arbeit ohne »Parasiten«

Statt die Menschen vom Zwang zur Lohnarbeit zu erlösen, taten kommunistische Parteien immer wieder so, als müsste nur die Arbeit von den »Schmarotzern« und »Ausbeutern« befreit werden. In einem solchen personalisierenden Raster konnten auch antisemitische Vorstellungen weiterbestehen.
Disko Von

Als die US-amerikanische Anarchistin Emma Goldman vor 100 Jahren den ersten Versuch unternahm, ihre Enttäuschung über die Revolution in Russland zu erklären, richtete sich ihre Kritik auch gegen die »Zwangsarbeit« unter den Bolschewiki. Was sie in den zurückliegenden zwei Jahren auf russischen Straßen gesehen hatte, beschrieb sie mit drastischen Worten: »Männer und Frauen, jung und alt, alle dünn bekleidet, in zerrissenen Schuhen oder die Füße in schmutzige Lappen gewickelt, wurden unterschiedslos in Frost und Schnee hinausgetrieben, um Schnee zu schaufeln oder Eis zu brechen.« Grundsätzlich war, so Goldman, die Ausbeutung in Russland nicht aufgehoben worden. An die Stelle der »bürgerlichen Schmarotzer« sei lediglich der »Apparat des bolschewistischen Schmarotzertums« getreten.

Anzeige

Ihre Enttäuschung reichte so tief, dass sie ihr kleines Buch, das 1922 auf Deutsch in Berlin-Neukölln erschien, »Die Ursachen des Niedergangs der russischen Revolution« betitelte. Der Arbeitszwang, die Unterdrückung der anarchistischen Linken und die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands waren ihr Grund genug, die Russische Revolution bereits zu dieser Zeit für ­gescheitert zu erklären.

Die antisemitische Vorstellung, Jüdinnen und Juden stünden auf der Seite des Kapitals, hatte in Russland direkte praktische Auswirkungen.

Was soll eine kommunistische Revolution: die ­Arbeit befreien oder die Menschen von der Arbeit befreien? Das ist keine akademische Frage. Denn im ersten Fall müssen sich die Arbeitsbedingungen nicht unbedingt ändern. Die alte Bourgeoisie ist zwar entmachtet, aber das Proletariat zieht, wie in Russland vor 100 Jahren, weiterhin Tag für Tag an die Wirkstätten, in die Fabriken oder auf die Felder; der Zwang zur Lohnarbeit besteht weiter und wird sogar, wie Goldman es schilderte, mitunter noch ­direkter ausgeübt als in bürgerlichen Demokratien.

Wenn die Revolution hingegen von der Arbeit befreit, ist alles ganz anders. Es verwirklicht sich dann allmählich das, was Karl Marx in seinen berühmt gewordenen Überlegungen 1845 angekündigt hat: Morgens könne man jagen, nachmittags fischen, Viehzucht treiben und nach dem Abendessen ­Gesellschaftskritik üben. Oder, wie er es in der »Kritik des Gothaer Programms« ausdrückte: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.«

Das war Goldmans Schilderung zufolge Anfang der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Russland nicht der Fall. Goldman gebrauchte in ihrer ­Kritik des bolschewistischen Staats das Bild des »Schmarotzertums«, das sonst die Bolschewiki benutzten. Zwei Jahre zuvor hatte das »ABC des Kommunismus«, verfasst von zwei Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Russlands, versprochen, in einer kommunistischen Gesellschaft werde »jedes Schmarotzertum verschwinden«, also die »Existenz von Menschen-Mitessern, die nichts tun und auf Kosten anderer leben«. »Was in der kapitalistischen Gesellschaft von den Kapitalisten verzehrt, verfressen und versoffen wird, wird in der kommunistischen Gesellschaft für produktive Bedürfnisse verwendet werden.«

In solchen Darstellungen erscheint die Ausbeutung als ein personalisier­bares Problem, das der Mehrwertproduktion äußerlich ist. Als wäre die Volkswirtschaft eine Art Kleingarten, aus dem man die Schädlinge und Parasiten beseitigen muss, damit Obst oder Gemüse besser gedeihen. Nach der Revolution, wenn die Bourgeoisie beseitigt wäre, könnte sich die Arbeiterklasse demnach besser entfalten, mehr und schneller produzieren. Eine solche Vorstellung von der Revolution verdeckt allerdings zentrale Probleme, die sich in Russland nach 1917 ganz real stellten: Was soll überhaupt produziert werden? Und wie viel davon? Wer entscheidet darüber und auf welcher Grund­lage? Wie organisiert man die Mitbestimmung der Produzierenden?

Die Rede von »Parasiten« und »Schmarotzern« ließ das alles ganz leicht erscheinen. Mit der Beseitigung der Kapitalisten verschwänden Ausbeutung und Unterdrückung, und das Proletariat wäre »befreit«. Als könnten den gesellschaftlichen Platz der Bourgeoisie nicht andere einnehmen, zum Beispiel ein planwirtschaftlicher Staat.

Biologistische Bilder der kapitalistischen Gesellschaft finden sich nicht nur bei Linken. Das gilt damals wie heute. Und die Ablehnung des »Kapitalismus« ist auch kein Monopol der Linken. Nazis sind ebenfalls gegen »Globalisierung«. Als sich 2011 die Bewegung »Occupy Wall Street« in New York City gründete, aus der die bislang letzte globale Bewegung mit explizit antikapitalistischen Anstrich wurde, riefen auch einige US-amerikanische Rechtsextreme zur Teilnahme auf.

Schon früher wurden vermeintliche Übereinstimmungen betont, beispielsweise bei der Vorbereitung einer Revolution in Deutschland. 1923 sollte sie kommen, die ökonomische Krise mit der ungeheuren Inflation schien die nötige Unzufriedenheit in der Bevölkerung hervorzurufen. Allerdings wählte die KPD einen ungewöhnlichen Weg, um weitere Anhängerinnen und Anhängern zu gewinnen: Sie ging offensiv auf ihre Feinde zu. Führende Mitglieder der KPD traten vor extremen Rechten auf.

Hermann Remmele sprach in Stuttgart auf einer Versammlung der NSDAP und antwortete auf Zwischenrufe: »Sie, die Faschisten, geben nun an, das jüdische Finanzkapital zu bekämpfen. Schön. Tun Sie das! Einverstanden! (Stürmischer Beifall bei den Faschisten.) Aber Sie dürfen eines nicht vergessen, das Industriekapital!« Paul Frölich, der Biograph Rosa Luxemburgs, zitierte in der Tageszeitung der KPD, Die Rote Fahne, den Nazi Ernst Graf von Reventlow und pflichtete dessen Aussage bei: »Der Volksstaat soll an Vollbürgern alle Arbeitenden und arbeitsunfähig Gewordenen begreifen, aber nur sie. Die übrigen sind Drohnen, somit Schädlinge.«

Diese Strategie wird in der Kommunismusforschung als Schlageter-Kurs bezeichnet, benannt nach dem 1923 hingerichteten Faschisten Albert Leo Schlageter, auf den sich die KPD immer wieder positiv bezog. Das wird oft mit dem nationalistischen Kurs der KPD erklärt. 1930 verabschiedete die KPD ihr zweites Parteiprogramm, mit dem Namen »Programmerklärung zur natio­nalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes«. Die KPD stellte sich mit Blick auf die NSDAP als die eigentliche nationale Partei dar. Clara Zetkin und Leo Trotzki waren entsetzt. Doch nur Trotzki traute sich, aus dem Exil seine Kritik öffentlich zu äußern. Die KPD, schrieb er, verwische mit ihrer aktuellen Politik den grundsätzlichen Unterschied zwischen Marxismus und Faschismus und »versöhnt Teile der Arbeiterschaft und des Kleinbürgertums mit der faschistischen Ideologie«.

Erneut versuchten führende Köpfe der KPD, über den Antisemitismus eine Gemeinsamkeit mit Nazis an der Parteibasis herzustellen. 1931 behaup­tete Hermann Remmele bei einer Veranstaltung mit der NSDAP, Joseph Goebbels habe seinen Leuten antisemitische Schlachtrufe untersagt, weil »die nationalsozialistische Gauleitung von dem Juden Jakob Goldschmidt, ­einem viel­fachen Millionär und Generaldirektor der Danat-Bank«, Spenden erhalten habe. Solche Vorstellungen verbreitete die kommunistische Tagespresse schon durch die Überschriften: »Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda« (1930), »Hitler pro­klamiert die Rettung der reichen Juden« (1931), »Nazis für jüdisches Kapital« (1932).

Die antisemitische Vorstellung, Jüdinnen und Juden stünden auf der Seite des Kapitals, hatte in Russland direkte praktische Auswirkungen, schrieb der Anarchist Alexander Berkman 1925 in seinem Buch »Der bolschewistische Mythos«. Er und Goldman hatten sich von russischen Jüdinnen und Juden schildern lassen, warum die Diskriminierung nach 1917 fortbestand. So erhielten Jüdinnen und Juden oft eine Brotkarte vierter Klasse, weil sie als »Intellektuelle« galten und »als Feinde des Proletariats, Verräter der Revolution dargestellt« würden. Die Bolschewiki, klagte Berkman, unternähmen zu wenig dagegen, im Gegenteil: »Der Hass auf die Bourgeoisie wurde auf die Intellektuellen umgelenkt, die offizielle Propaganda fördert und verstärkt diesen Geist.« Das Problem beginnt damit, dass Menschengruppen zu »Schädlingen« erklärt werden.