Wiedersehen mit einem coolen Hund auf dem USA-Trip

Der analoge Mann

Aus Kreuzberg und der Welt: Hundstage in Maine.

Pünktlich zu Ferienbeginn schlängeln Julia und ich uns stundenlang durch das Nadelöhr des Berliner Flughafens. Wir sind um vier Uhr morgens aufgestanden, stehen um Viertel nach fünf am Schalter, der erst um acht öffnet, aber wenigstens stehen wir in der Schlange an dritter Stelle. Wir geraten nicht in Stress. Eigentlich ist alles dann doch nicht so chaotisch, wie es Wochen vorher in den Nachrichten prophezeit wurde.

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Fast einen ganzen Tag später kommen wir erschöpft, aber glücklich in New York an. Unsere Freundin Liz ist fünf Stunden von Virginia nach New York gefahren, um uns abzuholen. Wir begrüßen uns überschwänglich. Hinten im Auto begrüßt mich Tally und ich setze mich neben sie. Tally ist ein Golden-Retriever-Mix, die Vorbesitzer meinten »irgendwas aus Deutschland«. Tally habe ich schon 2016 kennengelernt, auch auf einer Fahrt mit Liz und Julia. Wir hatten uns prima verstanden und ich freue mich. Damals waren wir sogar zu viert auf der Hinterbank. Julia, ich, Tally und ein kleines Kätzchen, um das sich die Hündin wie eine Mutter kümmerte. Sie spielte mit ihm und reagierte mit äußerster Gelassenheit, wenn das Kätzchen sie ärgerte. Das beeindruckte mich damals sehr, denn ich – immerhin ein erwachsener Mann – war nach Tagen im Auto vollkommen platt und reizbar. Tally legt so wie früher eine Pfote auf meine Hand und schleckt diese dann ausgiebig ab. Es geht los in Richtung Norden, wir wollen morgen in Maine sein.

Am frühen Abend kommen wir an unserer Unterkunft für die Nacht in der Kleinstadt Katonah an, die wir über Airbnb-gebucht hatten. Der Eingang befindet sich auf der Rückseite des Hauses. Die Katze des Hauses, ein ziemlich großes Exemplar, stellt sich uns in den Weg und macht den Rücken krumm. »Sie hat keine Angst. Aber sie will sich größer machen, schließlich wohnt sie hier«, ­erklärt Liz. Die von der Hauskatze hauptsächlich gemeinte Tally macht keinen Mux und bleibt cool. Ein paar Sekunden später hat Liz die Katze auch schon auf dem Arm und streichelt sie. Ein Mann kommt aus der Tür und stellt sich vor:

»Hi! I’m Martin. And that’s Winston.« Er zeigt auf die Katze, die offenbar ein Kater ist. Martin ist der Schwager der Besitzerin, die gerade beim Yoga ist. Martin ist überrascht, wie zutraulich Winston bei Liz ist. Ich glaube nicht, dass Martin seinen Winston schon mal auf den Arm genommen hat. Dann zeigt er uns unsere Unterkunft, eine umgebaute Garage. Zwei geräumige, rumpelig eingerichtete und leicht miefige Zimmer. Liz nennt sie »granny pad«, Oma-Bude. Martin stellt uns auch seinen Hund vor und zeigt uns dann stolz den »dog yard«. Das Haus hat eine eigene Hundewiese! Für diesen Zweck wurde von einem Baum zum nächsten ein langes Seil gespannt. An einer daran angehängten Hundeleine könne sich ein Hund frei und selbstständig bewegen und auch um die Hinterlassenschaften der Hunde müsse man sich nicht kümmern. »What happens in the yard, stays in the yard«, fügt Martin hinzu.

Selten habe ich einen Moment erlebt, in dem die Bemerkung eines Fremden eine Gruppe von Freunden, noch dazu bestehend aus Mensch und Tier, so vereint hat. Liz, Julia, ich und Tally nicken jedenfalls nur höflich lächelnd zu und denken uns unseren Teil. Ich erinnere mich zurück an die Zeit vor sechs Jahren, die wir mit Liz und ihrer Familie in Maine verbracht hatten. Tagelang hatte Tally geduldig auf der Rückbank des Autos gelegen, bis sich endlich die Tür öffnete, sie heraus sprang und sich in der folgenden Woche dann völlig frei und unabhängig auf dem Grundstück am See bewegte, wo wir die ­Ferien verbringen durften. Gelegentlich machte sie eine Runde ums Haus und ins Unterholz. Wenn sie sich abkühlen wollte, ging sie in den See, blieb aber immer im Umkreis des Hauses. Liz stellte ihr noch Futter und Wasser hin, aber ansonsten kümmerte die Hündin sich um sich selbst. Nur ganz gelegentlich knurrte sie mal oder bellte, um anzuzeigen, was wir nicht sahen: dass irgendjemand oder irgendetwas sich in der Nähe bewegte. Immer reagierte Tally freundlich und war selbständig. Ich war sehr beeindruckt. So einen coolen Hund hatte ich noch nie erlebt. Ich kannte ja nur Stadthunde, die meist so neurotisch wie ihre ­Besitzer sind. Dass ein Hund ohne Leine für sich selbst sorgen konnte, hatte ich noch nie gesehen. Charakter und Erziehung seien der Grund für diese Fähigkeiten, meint Liz.

»Niemals hätte ich Tally an so eine Leine gehängt und alleingelassen! Niemals!« sagt Liz am nächsten Tag im Auto. »So was hatten sie früher im Todesstreifen der Mauer«, sagt Julia, »Hunde, die an einer Leine hin- und herrennen. Schrecklich! Und wie bescheuert ist das denn – da wohnen die auf dem Land, haben so eine große Wiese – und dann kann man da gar nichts mit anfangen, weil die voll mit Hundekacke ist.«