Die Verantwortung der Ungeimpften

Kein Verständnis mehr

Wer sich nicht impfen lässt, gefährdet nicht nur sich selbst.
Kommentar Von

Jetzt waren da zwei Striche auf dem Antigen-Schnelltest, und das trotz Impfung. Besonders überrascht war ich ehrlich gesagt nicht. Ein merkwürdiger Schnupfen hatte uns in den Tagen zuvor geplagt – mich, meine beiden Söhne von zwei und vier Jahren und meine Partnerin, die gerade vor zwei Wochen unsere kleine Tochter entbunden hatte. Die Selbsttests waren trotz typischer Symptome fünf Tage in Folge bei allen negativ gewesen. Als ich dann aber innerhalb weniger Stunden meinen Geschmacks- und Geruchssinn gänzlich verlor, wollte ich es genau wissen und machte den zweiten Test an diesem Tag, der mir dann die schlechte Nachricht brachte.

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Nach einer einigermaßen strapaziösen Quarantäne mit den Kleinen, die nicht ihr gewohntes Maß an Bewegung bekommen konnten, sind wir mittlerweile alle wieder wohlauf. Habe ich deshalb nun Zweifel an der Impfung bekommen? Natürlich nicht. Dass die Krankheit bei mir mild verlief, verdanke ich wohl der Impfung. Wenn ich den Krankheitsverlauf meiner Partnerin bedenke, die wegen einer Risikoschwangerschaft bislang ungeimpft war und eineinhalb Wochen gelitten hat, oder wenn ich an meine Kinder denke, von denen ich nicht weiß, ob sie Long-Covid-Symptome haben werden, dann wünschte ich mir, dass mehr Menschen sich hätten impfen lassen und wir dadurch vielleicht verschont geblieben wären. Und dann fällt es schwer, nicht sehr wütend auf die Impfverweigerer zu werden – denn wie bei jedem Covid-19-Fall hätte die Krankheit bei uns auch deutlich schwerer verlaufen können.

Mir ist bewusst, dass nicht alle Ungeimpften in das Schema des verschwörungsgläubigen Impfgegners passen. Die öffentliche Impfkampagne hat sich um manche Bevölkerungsgruppen viel zu wenig bemüht. Im Spätsommer war das Impfen praktisch kein Thema mehr. Niedrigschwellige Angebote, die gerade für marginalisierte Menschen oder jene mit schlechten Deutschkenntnissen, für die schon die Terminvereinbarung beim Hausarzt eine Herausforderung darstellt, so wichtig sind, gab es fast nicht mehr. Dass eine forcierte und kluge Impfkampagne diese Bevölkerungsgruppen erreichen kann, zeigt das Beispiel Bremen, wo die Impfquote bei fast 83 Prozent liegt.

Und selbstverständlich haben nicht nur die Impfverweigerer zur katastrophalen Corona-Lage beigetragen. Verantwortung tragen die jetzige Regierung und die Führungsriege der Ampelkoalition in spe. Angesichts der aktuellen Lage, die so dramatisch ist, dass schon wieder über landesweite Lockdowns diskutiert wird, kann man leicht vergessen, dass die Ampelkoalitionäre noch vor wenigen Wochen auftraten, als sei die Pandemie schon besiegt. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner zum Beispiel antwortete noch am 12. November auf die Frage, warum man bei der damals geplanten Beendigung der epidemischen Notlage nationaler Tragweite auf die Möglichkeit von Ausgangs- oder Kontaktbeschränkungen verzichten werde, diese Maßnahmen hätten ohnehin keine Wirksamkeit.

Doch im Endeffekt liegt es an der niedrigen Impfquote, dass die Pandemie derzeit so schlimm wütet wie nie zuvor. Und die meisten Impfverweigerer haben nicht einfach Ängste, für die man vielleicht Verständnis aufbringen könnte, auch wenn diese natürlich völlig gegenstandslos sind. Viele genießen das Gefühl, ungeimpft irgendwie besonders zu sein, irgendwie mehr zu wissen als die Wissenschaft – während man stattdessen irgendwelchen Heilern und Gurus folgt und sich Zuckerkügelchen oder gleich Entwurmungsmittel für Pferde zuführt. Ob anthroposophisch angehaucht oder von dubiosen »Alternativmedizinern« schlecht beraten, wollen diese Menschen »der Natur ihren Lauf lassen« und abwarten, ob sie ohne Impfung nun wirklich sterben oder nur einen Schnupfen bekommen. Diese irrationale Fortschrittsverweigerung war früher schon besorgniserregend, inzwischen ist sie einfach gefährlich.

Der jeglichem Geschichtsbewusstsein hohnsprechende Vergleich vieler Impfverweigerer, man behandele sie wie Juden im »Dritten Reich«, zeigt, wieso der Schulterschluss zwischen Impfgegnern, Esoterikern und der extremen Rechten so nahtlos funktioniert. Dass diese geschlossenen Weltanschauungen immer einen allmächtigen Feind herbeiphantasieren, sei es nun »Big Pharma«, die »konventionelle Medizin« oder irgendwann dann doch immer wieder die Juden, macht den ideologisierten Charakter und den latenten oder offenen Antisemitismus der Impfgegnerszene deutlich.

Seit dem Ausbruch der Pandemie hatte ich privat und in meiner Arbeit als Reporter das Ziel, diffusen Ängsten einfühlsam und faktenbasiert zu begegnen und auch Ängste vor der Impfung zu zerstreuen. Doch mittlerweile bin ich immer weniger bereit, mit den Verwirrten, die mit ihrer Ignoranz alle anderen gefährden, ins Gespräch zu kommen. Schon seit voriger Woche sind die Intensivstationen an einigen Orten derart überlastet, dass Patientinnen durch das ganze Land geflogen werden müssen. Womöglich können bald nicht mehr alle Patienten behandelt werden. Schon jetzt steht fest, dass die Zahl der Toten in den nächsten Wochen rasant steigen wird. Wer sich da immer noch den schützenden Maßnahmen verschließt, trägt seinen Teil dazu bei.