Laubhaufen beschäftigen Hunde und beschleunigen die Erdrotation

Blätter, die die Welt bedeuten

Cocolumne Von

Coco liebt den Herbst. Sie ist zwar aus dem Alter heraus, in dem sie jedem über die Straße wehenden Blatt nachjagt, aber Laub hat es ihr dennoch angetan, vor allem zusammengekehrte Laubhaufen. Sie könnte stundenlang darin herumschnüffeln. Dort sammeln sich all die Gerüche, die andere Hunde an anderen Stellen pinkelnd hinterlassen haben. Für Sie als Menschen übersetzt, dürfte das etwa so sein, als wenn sich alle Botschaften Ihrer Bekannten bunt gemischt und völlig zusammenhanglos an einem Ort versammeln, also wie Facebook etwa.

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Und es gibt viel Laub! In Berlin lassen im Herbst allein die Straßenbäume rund 22 Milliarden Blätter fallen. Weltweit fällt so viel Laub von den Bäumen, dass sich die Erde schneller dreht, wenn auf der baumreicheren Nordhalbkugel Herbst ist. Kein Quatsch, ­Pirouetteneffekt! Weil sich die Masse ein paar Meter weiter runter auf den Boden verlagert, verändert sich das Verhältnis zur Rotationsachse, irgendwie so, auf jeden Fall: Der Effekt ist theoretisch sogar messbar. Praktisch ist er es nicht, weil es noch so viele andere viel gewichtigere Effekte auf die Erdrotation gibt.

So oder so, das Laub wiegt jedenfalls schwer, auch als Bürde. Die Stadtreinigung ist im Dauereinsatz, um die Blätter von den Straßen und aus den Parks zu entfernen. Das Blatt, hehe, kann sich aber auch zu Ihrem Vorteil wenden: Wenn Ihr Nachbar einen Baum hat, der im Herbst ungewöhnlich viele Blätter auf Ihr Grundstück fallen lässt, können Sie von ihm eine Laubrente erhalten, also einen jährlichen Geldbetrag als Entschädigung. Kein Quatsch! Auf Grund­lage von Paragraph 906, Absatz 2, Bundesgesetzbuch.

»Laubrente«, klingt das nicht fast wie »Leib­rente«? Damit oder ­davon lässt sich doch leben! Na ja, wenn es nicht ganz reicht, müssen Sie eben erfinderisch werden. So ein Nachbar produziert wie jeder Mensch ja auch Staub, da können Sie doch noch eine Staubrente dazu erhalten. Sein Haus nimmt Ihnen Sonnenlicht weg? Da sollte eine Schattenrente drin sein. Ist nicht im Grunde der ­ganze Nachbar eine Belastung? Eine Nachbarrente wäre durchaus angemessen. Das Prinzip funktioniert ­natürlich nur so lange, bis Ihr Nachbar bemerkt, dass auch Sie für ihn eine Belastung sind.

Eigentlich ist Laub aber eine schöne Sache. Es ist Nahrung und Deckung für zahlreiche Tiere. Wo möglich, sollte es liegen gelassen werden. Das findet Coco auch. In jedem Laubhaufen hinterlässt sie eine Botschaft für die Vielzahl an Hunden, die sie zuvor an diesem Haufen wähnte. Ich habe aufgehört zu versuchen, ihr zu erklären, dass die Gerüche dort willkürlich zusammengefegte oder -geblasene sind, dass der Laubhaufen nur ein diffuses Medium ist, sozusagen, aber vielleicht weiß sie das instinktiv auch, und hinterlässt ihre Botschaft in der Absicht, dass auch diese hinfort getragen wird, hinaus in die Welt. Wie ein Blatt im Wind.