Der CDU drohen kubanische Verhältnisse

Kubanische Verhältnisse in der Union

Ein Treffen mit dem immer noch rüstigen Chef der Jungen Union.
Die preisgekrönte Reportage Von

Schweiß und Spotze fliegen über das Mikrophon, als der nicht mehr ganze junge Jungpolitiker seine Stimme erhebt. »Und ich sage euch: In ihrem jetzigen Zustand ist die Union ein Sauhaufen! Ein Sauhaufen, der ausgemistet gehört! Denn Sauen hassen Mist! Sauen wollen einen sauberen Schweinestall! Und ich werde für jede Sau kämpfen, die ihr Recht auf persönliche Hygiene einfordert!« Tosender Applaus brandet auf – hier, beim »Deutschlandtag« der Jungen Union im westfälischen Münster. Tilman K., knapp 60jähriger Chef der Jungen Union, gibt der Krise der Konservativen ein Gesicht: sein eigenes. »Ich sage euch: Eine Union, in der jemand wie ich als Zukunftshoffnung gilt, hat den Kampf doch schon verloren. Wir müssen vorwärts gehen, nicht rückwärts. Aufwärts, und nicht vorwärts. Und wir dürfen uns nie, nie wieder von Gesichtern abhängig machen.« Sagt er und verbirgt sein eigenes schamvoll in den Händen.

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Zusammen mit anderen Nachwuchshoffnungen wie Friedrich Merz und Jens Spahn macht K. einer zutiefst verunsicherten Unionsjugend Mut. Mut, den die Delegierten brauchen: Sie alle hatten bei ihrem Eintritt die Erwartung, in einer 40-Prozent-Partei in Windeseile zu den Fleischtrögen zu fliegen; sie alle sind jetzt tief enttäuscht.

Während ein Verschwörungstheoretiker der US-Republikaner den Saal bei Laune hält, steht uns K. für ein kurzes Interview zur Verfügung. 1964 in einem Kernkraftwerk bei Hannover geboren, ist K. seit 1999 im Bundesvorstand der Jungen Union. Als einende Figur ist er nicht gerade bekannt: 2015 forderte er, Flüchtlinge an der deutschen Grenze abzuweisen, und sprach sich gegen Schultoiletten »für das dritte bis 312. Geschlecht« aus, auch kritisierte er eine »Gleichschaltung« der Union unter Merkel. »Das würde ich heute so nicht mehr sagen«, sagt er selbstkritisch, »weil Merkel ja jetzt erst mal auch weg ist.« Noch vor wenigen Wochen forderte er »einen deutschen Sebastian Kurz« – seine Stellungnahme hierzu? »Auch das würde ich heute anders formulieren. Wir brauchen einen deutschen Sebastian Kurz, der nicht von der gleichgeschalteten Lügenpresse wegen haltloser Vorwürfe zerfetzt wird! Aber auch das werden Sie mir ja wieder im Mund herumdrehen, Sie dreckiges Kommunistenschwein!« Der lange Weg der Union zurück zum Anstand – mit K. geht es schon mal »gut« los.

Aus der Urteilsbegründung: Leo Fischers preisgekrönte ­Reportagen sind in hohem Maße fiktiv. Ähnlichkeiten mit realen Personen und Geschehnissen sind unbeabsichtigt.