Homestory

Homestory #32

Da sind sie endlich! Nach einigen Minuten des Starrens auf eine leere Nutzeroberfläche tauchen die ersten Gesichter auf – die ­lieben Kolleginnen und Kollegen, einige von ihnen haben sich noch nie gesehen. Die Begrüßung ist verhalten und auch dieses Videomeeting klappt nicht ohne Weiteres, aber so ist sie wohl, die Heimarbeitswelt. Ach nö, mögen Sie jetzt denken, nicht schon wieder so eine langweilige Anekdote aus dem Homeoffice, das ist doch längst kalter Kaffee. (Wie es der Kaffeemaschine in der verwaisten Redak­tion wohl geht? Schimmelt die jetzt traurig und einsam vor sich hin?) Für solche, die nach einer längeren Pause in die Lohnarbeit zurückkehren, wie diese Woche geschehen, ist das alles aber noch verwirrendes Neuland mit Tausenden offener Chat-, Plattform- und Mailfenster. Ständig die Angst, eine neue Nachricht übersehen, ein wichtiges Meeting verpasst zu haben. So müssen sie sich also ­gefühlt haben, die ersten Menschen, die ins Homeoffice geschickt wurden, die Pionierinnen und Pioniere der ständigen Erreich­barkeit.

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Nun gut, nach einigen Tagen hat man sich auch eingearbeitet – wo doch selbst Kinder, die im Homeoffice leider für viele eine ständige Begleitung sind, digitales Multitasking einfach so hinbekommen. Wenn sie völlig gechillt Smartphone, Switch und Fern­seher gleichzeitig laufen lassen können, dann dürfte das doch für Erwachsene kein Problem sein. Die Arbeitswelt wird auch nach der Pandemie weiter digitalisiert werden, und der Nachwuchs übt sehr gern freiwillig, um sich auf die kommenden Anforderungen einzustellen. Ist also laissez-faire gefragt, wenn es um die tägliche Medienzeit geht, damit sich später die Erfolgschancen der Kleinen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen?

Wie von den meisten Erziehenden bereits vermutet, ist ständiges Geglotze auf Bildschirme nicht ganz so optimal. Eine jüngst im ­British Journal of Ophthalmology veröffentlichte Studie, bei der das Sehvermögen von fast 2 000 Hongkonger Kindern im Schulalter untersucht worden war, hat ergeben, dass sich die Zahl der Kinder mit Kurzsichtigkeit während der Pandemie im Vergleich zur Zeit ­davor mehr als verdoppelt hat. So betrug die jährliche Inzidenz von Myopie in der vor der Pandemie untersuchten Kindergruppe 11,63 Prozent, in der danach 26,98 Prozent. Die Gründe dafür seien, dass die Kinder weniger Zeit im Freien und vor allem mehr Zeit vor dem Bildschirm verbracht haben, was das Risiko von Kurzsichtigkeit erhöht. Mindestens zwei Stunden täglich sollen Kinder pro Tag draußen verbringen und dabei öfter in den Himmel schauen, denn das Licht im Freien erhöht die Dopamin-Freisetzung in der Netzhaut, was die Verlängerung des Augapfels hemmt. Nun glotzen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – wie so viele – auch ohne Homeoffice ständig auf Bildschirme, haben also ein erhöhtes Kurzsichtigkeitsrisiko. Immerhin kommt man so dann bei der nächsten Videokonferenz wenigstens dem Bildschirm etwas näher, sollten die Kollegen etwas verschwommen wirken.