Xavier Dolans Coming-of-Age-Film »Matthias & Maxime«

Liebe unter Freunden

Xavier Dolan erzählt in seinem neuen Film »Matthias & Maxime« von der Suche nach der eigenen sexuellen Orientierung.

Schon immer hat Matthias die Sätze Maximes beendet, bereits seit der Grundschule ist da so. Einmal haben sie sich geküsst, aber da war Ecstasy im Spiel. Die beiden spülen zusammen Geschirr ab wie ein altvertrautes Paar, der eine putzt sich die Zähne, während der andere pinkelt, doch ein zweiter Kuss verändert alles. Dabei war die Knutschszene doch nur für den ­belanglosen Kurzfilm einer Filmstudentin, die auf penetrante Weise Englisch und Französisch miteinander vermischt. Kurz bevor die Lippen der beiden Männer aufeinandertreffen, blendet Dolan ab, doch das Publikum begreift sofort: Das sorglose Partywochenende mit der Clique ist für Matthias gelaufen.

Anzeige

Danach kann Matthias, der Machertyp und Topanwalt in spe, der von sich immer dachte, er sei hetero­sexuell, mit Maxime, dem sensiblen, gutmütigen Kumpel aus Kindertagen, nicht mehr in einem Bett schlafen. Matthias flieht vor den eigenen Gefühlen. Entschlossen stürzt er sich in einen See, die Musik von Jean-Michel Blais hebt an, Matthias schwimmt weit hinaus, weiter, immer weiter, bis er komplett die Orientierung verloren hat. Mit letzter Kraft krault er schließlich zurück ans Ufer. Die Clique steht am Steg und nimmt ihn ebenso verständnislos wie liebevoll in Empfang.

Dolans Filme sind immer auch ein grandioses Kino der Blicke, in denen sich die komplexen Beziehungen der Figuren spiegeln wie in einem stillen Bergsee.

Willkommen im neuesten Werk des 32jährigen Autorenfilmers Xavier Dolan, der mit »Matthias & Maxime« bereits seinen achten Film abgeliefert hat. Das Drehbuch für den ersten Film schrieb er mit 17 Jahren, als Schulabbrecher, der nie eine Filmschule besucht hat. Sechs seiner Spielfilme liefen bereits in Cannes, für sein atemberaubendes Film­drama »Laurence Anyways« heimste er dort 2012 die Queer Palm ein, für sein fesselndes Mutter-Sohn-Drama »Mommy« teilte er sich 2014 den Jurypreis mit niemand Geringerem als der Regielegende Jean-Luc Godard. Der auf 35-Millimeter-Material gedrehte »Matthias & Maxime« sorgte in Cannes für stehende Ovationen. Wer für die eindrücklichen Bilder des Frankokanadiers empfänglich ist, erinnert sich noch Jahre später an seine Figuren, als hätte man das Geschehen auf der Leinwand selbst erlebt, als wäre man selbst durch einen Wirbelsturm der Gefühle gegangen oder hätte zumindest enge Freunde dabei begleitet.

Maxime, der von Dolan selbst gespielt wird, leidet darunter, dass sein Freund sich plötzlich von ihm distanziert und bisweilen aggressiv auf ihn reagiert. Maximes bevorstehende Abreise nach Australien wirkt wie ein Katalysator auf die Gefühle der beiden, die sie völlig unvorbereitet treffen. Zwei Jahre will Maxime fortbleiben, der Countdown zu seinem Abflug strukturiert den Film.

Matthias, großartig gespielt von Gabriel D’Almeida Freitas, ist von den Gefühlen für seinen besten Freund, die weit über sexuelle Anziehung hinausgehen, hochgradig irritiert. Die verkrampfte Abschiedsrede, die er für Maxime hält, ist ein Moment des Fremdschämens. Der verletzte Blick, den Maxime ihm nach seiner Ansprache zuwirft, spricht Bände und trifft direkt ins Herz. Dolans Filme sind immer auch ein grandioses Kino der Blicke, in denen sich die komplexen Beziehungen der Figuren spiegeln wie in einem stillen Bergsee.

Dabei hat der nicht sonderlich selbstsichere Maxime, der ein markantes Feuermal im Gesicht hat, es schon schwer genug. Wie Figuren in allen Filmen Dolans, die stets von seiner eigenen Biographie geprägt sind, so hat auch Maxime eine problematische Beziehung zu seiner manipulativen Mutter, Manon, die atemberaubend von Anne Dorval verkörpert wird. Auch in Dolans Meisterwerk »Mommy« sowie in seinem semiautobiographischen Erstlingsfilm »I Killed My Mother« übernahm Dorval die Rolle der Mutter.

Maxime kümmert sich rührend um Manon, eine trockene Alkoholikerin, die ihn immer wieder schlecht behandelt, zuweilen sogar schlägt. Physische und psychische Gewalt innerhalb der Familie, aber auch unter Liebenden ist ein wiederkehrendes Thema in den Filmen Dolans. In den aufwühlenden Szenen mit Maximes Mutter wird deutlich, dass dieser das Weite suchen muss, um sich endlich aus der Umklammerung dieser verbitterten, gewalttätigen Frau, die wie eine Python auf ihn lauert, lösen zu können.

Der Millennial Maxime, der in ­einer Bar arbeitet, geht aber auch deshalb weg, weil er spürt, dass er sich selbst finden und seinem Leben allmählich eine Richtung geben muss. Auch wenn die Freunde aus der ­Clique sich zuweilen aufführen wie Teenager, zusammen Bong rauchen und sich albern kabbeln, müssen sie allmählich einsehen, dass ihre Jugend vorüber ist. Gerne würden sie es noch ein bisschen hinauszögern.

Doch die nächste Generation, personifiziert durch die Filmstudentin Erika, die jüngere Schwester von Maximes Kumpel Rivette, steht schon in den Startlöchern. Für sie, die Vertreter der sogenannten Generation Z, scheinen keine binären Geschlechtergrenzen mehr zu existieren, während Matthias und Maxime sich noch mühen, diese zu überwinden. Dolan kann es sich jedoch nicht verkneifen, die Filmstudentin stark zu überzeichnen. »Sie hat die Gabe, sechs englische Begriffe in ­einen Satz mit fünf Wörtern zu verwenden«, sagt Rivette über seine Schwester. So blickt wohl jede Generation zuweilen verächtlich auf die jüngere und deren Eigenheiten.

Mit einem Vertreter antiquierter Männlichkeitsvorstellungen bekommt es unterdessen der karrierebewusste Matthias zu tun, der kurz davor steht, als Juniorpartner in eine Anwaltskanzlei in Montreal einzusteigen. Der Geschäftsmann McAfee (Harris Dickinson), den Matthias im Auftrag der Kanzlei bespaßen soll, entpuppt sich als Supermacho, der bei der ersten Begegnung ohrenbetäubend laut den Song »Always on My Mind« in der Version der Pet Shop Boys hört. Musik dient in den Filmen Dolans immer zur Charakterisierung der Figuren. In diesem Fall wird McAfee als ein sich übertrieben chauvinistisch gebender Typ vorgestellt, der womöglich ebenfalls eine unbewusste homosexuelle Neigung vor sich und anderen verbirgt.

Bei einem gemeinsamen Besuch eines Stripclubs registriert Matthias das peinliche Bemühen McAfees, diese Seite zu verdrängen, indem er Frauen Schlampen nennt und sexistisch über Praktikantinnen herzieht. Wie in einem Zerrspiegel erkennt Matthias seine eigenen verleugneten Wünsche wieder. Obgleich er mit seiner neuen Freundin Sarah (Marilyn Castonguay) eigentlich glücklich ist, zweifelt er an seiner sexuellen Orientierung. Noch einmal knutscht er mit Maxime, bekommt aber wieder Panik, als dieser ihn an seinen Genitalien berührt. Die Szene, die Dolans Stammkameramann André Turpin durch ein Fenster filmt, lässt das Paar auf wundersame Weise verloren wirken. Die Angst vor tiefer Liebe und intimer Nähe, die heteronormative Normen überwindet, ist das große Thema des Films, der das Anderssein nicht einfach feiert, sondern sich ernsthaft damit auseinandersetzt.

Matthias & Maxime (Kanada 2019). Buch und Regie: Xavier Dolan. Darsteller: ­Gabriel D’Almeida Freitas, Xavier Dolan, Pier-Luc Funk, Samuel Gauthier, Antoine ­Pilon, Adib Alkhalidey. Kinostart: 29. Juli