Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan hat ein Rap-Album veröffentlicht

Der Bruder ist jetzt Bro

Ein bisschen Gangsta, ein bisschen Chanson, viel antikolonialistische Rhetorik: Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan hat ein Rap-Album veröffentlicht. Auf »Traversées« ruft er zum Befreiungskampf auf. Aber wer will sich das eigentlich anhören?

Rap scheint nicht selten das Medium der Wahl zu sein, wenn Männer mit fragwürdigem Frauenbild ihrem Hass auf die Moderne Ausdruck verleihen wollen. Auch Tariq Ramadan, Fürsprecher eines Euro-Islam und ehemaliger Posterboy des postmodernen Bündnisses zwischen europäischer Linker und islamistischer Rechter, hat sich nun dieser Bastion des ungestörten männlichen Monologisierens zugewandt. »Traversées« (Überschreitungen) heißt das kürzlich in Frankreich erschienene Album, ­dessen erste Single-Auskoppelung »Qu’est-ce que vous croyez?« (Was glauben ihr?) schon mal die Richtung vorgibt.

Dass Rap eigentlich auch mal Partymusik war, ist Ramadans mystischem Gemurmel nicht anzumerken. Sein Rap will Sprachrohr der Unterdrückten sein.

Der 1962 in der Schweiz geborene Ramadan, gegen den in Genf ein ­Ermittlungsverfahren wegen Freiheitsberaubung und Vergewaltigung läuft, propagiert seit langem einen Islam, der angeblich mit den Werten der modernen Gesellschaften Europas vereinbar ist und zugleich den religiösen Vorschriften entspricht. Der unter dem Label ­Euro-Islam verbreitete Ansatz fand vor allem in liberalen und linken Kreisen in der Schweiz, Frankreich und Deutschland großen Anklang. Kritiker wie die Journalistin Caroline Fourest, Autorin des Buchs »Frère ­Tariq« (Bruder Tariq), werfen Ramadan indes vor, ein doppeltes Spiel zu betreiben. Hinter der Rhetorik der Mäßigung verberge sich ein im Kern antiwestlicher Islamismus. So befürwortet Ramadan die Geschlechtertrennung in Schulen und die Verschleierung der Frau.

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Das französische Innenministerium belegte ihn 1995 mit einem inzwischen wieder aufgehobenen Einreiseverbot, weil er eine »Gefahr für die öffentliche Ordnung« darstelle. Die Behörden gingen davon aus, dass in dem unter anderem von ­Ramadan geleiteten Islamischen Zentrum Genf Unterstützer der algerischen Groupe islamique armé (GIA) und der Islamischen Heilsfront (FIS) ein und aus gingen. Beide Gruppierungen können dem terroristischen Arm des Islamismus zugerechnet werden. Das Genfer Zentrum war 1961 von Ramadans Vater Said, ­einem führenden Aktivisten der Muslimbruderschaft, gegründet worden. Nach dessen Tod 1995 übernahm Tariqs Bruder Hani Ramadan die Leitung. Mütterlicherseits sind die beiden Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft.

Das Album Tariq Ramadans komme einem »musikalischen Krieg ­gegen den Okzident« gleich, warnte die französische Wochenzeitung Le Point. Tatsächlich bedient »Traversées« das im europäischen Rap ­übliche Ressentiment gegen den Westen, das wohlgesinnte Kulturrelativisten gern mit fortschrittlichem Antikapitalismus verwechseln. Ramadan unterscheidet sich allerdings deutlich von einem islamistischen Rapper wie Denis Cuspert alias Deso Dogg, der ein Kalifat beschwor. Wie im Umfeld der Muslimbrüder üblich geht es Ramadan um eine mit den ­islamischen Glaubensgesetzen konforme Moderne, die er im Jargon des Antikapitalismus und der europäischen Moralphilosophie beschreibt. Während Cuspert nach seiner religiösen Läuterung Musik als haram begriff, um fortan nur noch instrumentell stark limitierte Auf­rufe zum heiligen Krieg zu produzieren, steht Ramadan die gesamte Bandbreite des Rap zur Verfügung. In einem in den sozialen Medien veröffentlichten Video erklärt er, dass islamische Musik nicht den Islam selbst thematisieren, sondern dessen Werte transportieren müsse.

Musikalisch greift er mit sanft angeschlagenen Gitarren, Streichern und Klavier die klassischen stilistischen Elemente des Conscious Rap auf. Es ist ein Genre, das Musik zum Beiwerk der textlichen Botschaft ­degradiert. Dass Rap eigentlich auch mal Partymusik war, ist Ramadans mystischem Gemurmel nicht anzumerken. Sein Rap will Sprachrohr der Unterdrückten sein.

Im Song »Qu’est-ce que vous croyez?« wird deutlich, dass er jeder Form von Zerstreuung eine Absage erteilt. Im immer wiederkehrenden Refrain des achtminütigen Tracks klagt er an: »Warten! Warten! Aber was glaubt ihr? Dass wir dort sitzen und zusehen, wie ihr unser Land, unseren Reichtum, unsere Rohstoffe plündert?«

Mit viel Hall auf der Stimme und unterstrichen von Bassteppichen ­bedient sich Ramadan der Stilelemente der postmodernen Cloudrap-­Ästhetik, die den Rapper eher als berauscht, körperlos und der Welt enthoben begreift. Bei Ramadan weckt diese Weltlosigkeit allerdings andere Assoziationen. Sein 2019 erschienenes Buch »Devoir de vérité« (Pflicht zur Wahrheit), in dem er sich mit Nietzsche-Anleihen als modernen Dreyfus ohne helfenden Zola darstellt, legt nahe, dass er sich eher als Übermenschen sieht. Dieser stellt sich stellvertretend dem Leiden der Welt und gewinnt daraus die Kraft, die Menschheit von der Sklavenmoral zu befreien, die den »Schrecken der Herrschaft« verkleidet, indem sie »Bürger zur Liebe der Armen und zur Nächstenliebe aufruft«, wie Ramadan rappt.

Inhaltlich kommt er damit dem Gangsta-Rap sehr nahe. Der Track »La colère et la haine« (Die Wut und der Hass) erinnert nicht nur mit seinem Titel deutlich an den Film »La Haine« (F 1995), dessen Ästhetik den französischen und den deutschen Gangsta-Rap geprägt hat. Auch textlich erinnern Zeilen wie »Wie kann es sein, dass die größten Gauner der Welt wie Staatsoberhäupter behandelt werden?« und »Hier bekommt man zehn Jahre für zehn Gramm« an das Gemaule deutscher Gangsta-Rappper wie Bushido, der auch zu den Fans des Films zählt. Während im Deutschrap explizit ­gegen Israel gehetzt wird, ist der jüdische Staat im antikolonialen Gestus von Ramadan aber immer nur mitgemeint.

Aus den übrigen Stücken, auf denen Ramadan Geschichten erzählt, in denen er auch in ein anderes lyrisches Ich eintaucht, kann man womöglich nur mit tieferen Kenntnissen in europäischer Moralphilosophie und islamischer Theologie wirklich schlau werden. Was sich motivisch durchzieht, ist die Überhöhung des Leidens. Auch der antikoloniale Befreiungskampf scheint keine endgültige Erlösung zu bringen. Denn »die ewige Botschaft des Lebens«, wie Ramadan auf »Naissance« (Geburt) im Namen »derjenigen, die du liebst«, darlegt, lautet: »Es ist notwendig, das Leiden zu akzeptieren.« Es scheint unvorstellbar, dass das Leben nicht bloß vom »Rhythmus der Seufzer« begleitet wird.

Auch der letzte Track des Albums, das 13minütige Stück »Passant« (Vorbeigehend), bleibt dieser Überhöhung treu. Erzählt wird die Geschichte eines Reisenden, dem es verwehrt wird, heimisch zu werden. Er bleibt immer ein Fremder, jedoch ein Fremder, »der alles übertrifft«. In dem Stück »Viens« (Komm schon) beklagt Ramadan den Verlust der väter­lichen Autorität: »Deine Gewalt war nirgends, Papa, die Wunde überall.«

Musikalisch grenzt das Album an manchen Stellen an schlechten französischen Chanson gepaart mit einer ordentlichen Portion Easy ­Listening. Doch wie man eigentlich schon seit Falco und spätestens seit Capital Bras Ausflügen in den Schlager weiß, hat Rap am Ende mehr mit Inszenierung zu tun als mit Musik. Ramadan bedient sich dieser Inszenierung, auch wenn er es auf dem Album bei Andeutungen belässt. Sein Album ist ideologisch mehr Gangsta-Rap, als es dem intellektuellen Publikum lieb sein dürfte.

Eine Reaktion der französischen und deutschen Rap-community blieb allerdings aus. Betrachtet man die Streaming-Zahlen auf Spotify, die zwei Wochen nach der Veröffentlichung immer noch unter 200 liegen, und vergleicht sie mit den über 700.000 Followern auf Twitter, dann scheinen auch viele seiner jungen Fans mit den musikalischen Ausflügen des Spätberufenen wenig anfangen zu können.

Tariq Ramadan: Traversées. (Wisdom Art Production Ltd)