Henning Fischer forscht über Frauen im Widerstand gegen den NS

Gedenken mit Würde

Im Konzentrationslager Ravensbrück waren von 1939 bis 1945 etwa 130 000 Frauen inhaftiert, darunter viele, die Widerstand gegen das NS-Regime geleistet oder Verfolgte unterstützt hatten. Mit ihren Biographien beschäftigt sich der Historiker Henning Fischer.

»Aus der heutigen Sicht kann man das vielleicht gar nicht nachvollziehen. Aber für uns war’s ganz normal. Wir mussten etwas gegen den Faschismus machen.« Mit diesen Worten begründete Irmgard Konrad 1995, warum sie in den Widerstand gegen das NS-Regime ging. Dabei war sie als Tochter eines jüdischen Vaters in besonderer Gefahr. Im ­Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert, im September 1943 in das KZ Ravensbrück überstellt. An die 2003 verstorbene Widerstandskämpferin erinnert der Historiker Henning Fischer in seinem vor kurzem erschienenen Buch »Frauen im Widerstand«, das sich mit der »Geschichte und Nachgeschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück« befasst. Es ist eine in vielfacher Hinsicht komplexe Geschichte, die Fischer auf knapp 212 Seiten aufarbeitet.

»Die Überlebenden würdig zu behandeln, bedeutet auch, ihre Widersprüche und Fehleinschätzungen darzustellen. Die Falten in ihrer historischen Kleidung sollen sozusagen sichtbar bleiben.« Henning Fischer

Am 13. September 1959 hatte die SED-Führung die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eingeweiht. Das Neue Deutschland, zu DDR-Zeiten das Zentralorgan der SED, zitierte aus der Rede von Rosa Thälmann, der Witwe des von den Nazis ermordeten KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann: »Niemals wieder soll die Furie des Krieges über Europa hinweggehen; niemals wieder dürfen die Völker ­total unterdrückt und versklavt werden. Deshalb muss der aggressive Militarismus gebändigt und mit der atomaren Aufrüstung in Westdeutschland Schluss gemacht werden.«

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Die Geschichte der Instrumentalisierung des NS-Terrors für die politischen Interessen der SED im Kalten Krieg kommt nur am Rande vor. ­Fischer konzentriert sich auf die Biographien der Frauen, die wegen ­ihrer politischen Überzeugung in Ravensbrück inhaftiert waren. Mit ­ihren Schicksalen in Ost- und Westdeutschland hatte sich der Historiker bereits 2018 in der ersten umfang­reichen Kollektivbiographie über­lebender Frauen aus dem KZ Ravensbrück, »Überlebende als Akteurinnen«, intensiv befasst. Nach Erscheinen dieses Buchs konzipierte der Historiker die Wanderausstellung »Frauen im Widerstand. Deutsche ­politische Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück: Geschichte und Nach­geschichte«, die bis September 2020 in der Mahn- und Gedenkstätte zu sehen war und ausgeliehen werden kann. Das Buch hat Fischer als Katalog zur Ausstellung im Auftrag der Gedenkstätte erstellt. Es dokumentiert einen Großteil der Ausstellungsinhalte, darunter zirka 150 Abbildungen sowie biographische Angaben zu einigen Überlebenden des Frauen-KZ Ravensbrück.

Doch es ist auch ein eigenständiges Geschichtsbuch, in dem Fischer Maßstäbe für die historische Auseinandersetzung mit den Frauen in der Arbeiterbewegung setzt. Deren ­Lebensgeschichten waren nach 1945 in der BRD kaum der Erinnerung und des Gedenkens würdig erachtet worden. In der DDR wurden sie dagegen nach Maßgabe der SED und ihrer Parteiinteressen dargestellt. »In den Jahrzehnten nach 1990 fand eine dringend notwendige Ausweitung des historischen Blicks auf andere Häftlinge und Häftlingsgruppen der Konzentrationslager statt. Nun war es Zeit, auch wieder auf die Verfolgten aus den Organisationen der Arbeiterinnenbewegung zu blicken«, rekapituliert Fischer die historischen Debatten der vergangenen 30 Jahre.

Wie bereits in »Überlebende als Akteurinnen« hat der Historiker auch in »Frauen im Widerstand« die gesamten Lebensgeschichten der Frauen nachgezeichnet. Ihre politische Sozialisation in der Weimarer Republik thematisiert er ebenso wie den Widerstand gegen das Nazi-­Regime und ihr Leben in der DDR beziehungsweise in der BRD bis in die Gegenwart. Dabei zeigte Fischer, dass es möglich ist, beispielsweise den Zuschnitt der Geschichtspolitik in der DDR auf Heldengeschichten ­linientreuer KPD-Mitglieder zu kritisieren und zugleich zu konstatieren, dass diese Perspektive den konkreten Lebenserfahrungen vieler Ravensbrück-Überlebender in der DDR entsprechen konnte. Zudem zeigt Fischer an zahlreichen Beispielen, dass viele Überlebende eine Sicht auf den Nationalsozialismus und ihre Haft in ­Ravensbrück hatten, die der verzerrenden Staatsdiktion der DDR widersprach. So kritisiert Marga Jung – die Fischer als »Netzwerkerin« charak­terisiert, »die Überlebende in ganz ­Europa durch ihre Korrespondenz mit­einander verband« –, dass eine Vertreterin der Ravensbrücker ­Über­lebenden von männlichen SED-Mitgliedern »brüskiert« und »bevor­mundet« wurde.

Differenzen gab es auch über die Gestaltung der Skulptur der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. »Außerdem kommt in den bereits geschaffenen Figuren unserer Auffassung nach ausschließlich der Gedanke der Solidarität zum Ausdruck, nicht der Kampf, den die Frauen ­gegen den Faschismus auch im Lager führten«, zitiert Fischer aus einer kritischen Stellungnahme von Marga Jung. Die Ravensbrück-Überlebenden hatten oft damit zu kämpfen, dass die Erinnerung an ihre Leiden und ihren Kampf im Schatten der Konzentrationslager für Männer, wie Buchen­wald, stand.

Auch Differenzen unter den überlebenden Frauen beschreibt Fischer. Heftige Auseinandersetzungen löste eine Erklärung aus, die mehrere Frauen für den KZ-Arzt Franz Lukas abgegeben hatten. Der Arzt hatte den Frauen im Krankenhaus geholfen, war aber auch Teil des KZ-Systems gewesen. Andere Überlebende lehnten daher diese Erklärungen ­vehement ab. Gerade dadurch, dass Fischer diese Konflikte benennt, wird er den Überlebenden gerecht.

»Die Überlebenden würdig zu behandeln, bedeutet auch, ihre Widersprüche und Fehleinschätzungen darzustellen. Die Falten in ihrer historischen Kleidung sollen sozu­sagen sichtbar bleiben«, beschreibt Fischer der Jungle World seinen ­Ansatz. Der Historiker betont, »dass für Erkenntnisse aus der Vergangenheit auch die Fehler betrachtet werden müssen«.

Als Mitgründer des Autorinnen- und Autorenkollektivs Loukanikos nahm Fischer in den vergangenen Jahren an einer Debatte linker Historikerinnen und Historiker teil, die sich gegen geschichtliche Mythenbildung auch in der Linken wandten. Fischer spricht sich in dem Buch auch gegen das Ideal eines Historikers aus, der Geschichte nur kommentiert, aber nicht selbst Stellung bezieht. So zitiert er in der Einleitung aus einem offenen Brief mit dem Titel »Alle Farben der Antifa«, mit dem die Auschwitz- und Ravensbrück-Überlebende Esther Bejarano 2019 vor dem Aufstieg der Rechten warnte. Den Verweis auf die Gegenwart begründet Fischer so: »Ich habe einfach auf die aktuelle Situation in Deutschland hingewiesen, auf die Gegenwart von faschistischer Mobilisierung und ihrer mörderischen Gewalt. Aus der Ansicht dieser Gegenwart entsteht direkt die Notwendigkeit, sich zu verhalten, auch außerhalb von Seminarräumen und ähnlichen Orten.«.

Fischers Buch leistet einen wichtigen Beitrag zum Kampf gegen die rechte Gefahr, indem es an die wenigen Menschen erinnert, die in Deutschland keine Mitläuferinnen des braunen Terrors waren.

Henning Fischer (Hg.): Frauen im Widerstand. Deutsche politische Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück. Geschichte und Nachgeschichte. Metropol-Verlag, Berlin 2020, 212 Seiten, 22 Euro