Das Fußballfilmfestival »11mm« fand in diesem Jahr online statt

11mm Goes Streaming

Zum diesjährigen Fußballfilmfestival mussten Fans nicht nach Berlin reisen. Das »11mm« fand zusätzlich zur Vorstellung im Kino »Babylon« auch online statt.

Eigentlich findet das »11mm«, das nach eigenen Angaben größte Fußballfilmfestival der Welt, traditionell im Frühjahr statt. Sehr kurzfristig fiel das Festival Anfang des Jahres der beginnenden Covid-19-Pandemie zum Opfer, im Herbst nahmen die Macherinnen und Macher einen zweiten Anlauf: Vom 15. bis 19. Oktober liefen rund 60 internationale Spiel- und Dokumentarfilme mit und über Fußball im Berliner Kino ­»Babylon«. Diejenigen, die nicht dorthin kommen konnten oder wollten, hatten mit einem Streaming-Ticket die Möglichkeit, online zu schauen.

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Hier eine unvollständige Auswahl von Filmen, die einen Besuch wert waren:

Domashni Igri
Die wirklich große und großartige ukrainische Dokumentarfilm »Domashni Igri« von Alisa Kovalenko ist eher eine Milieustudie. Die Familie der 20jährigen Erstligaspielerin, die hier nur Alina heißt, ist arm, die ­Eltern waren einst im Gefängnis und sind sichtlich nicht in der Lage, die Kinder zu versorgen. Der Vater ist alkoholkrank und spielsüchtig, die Mutter stirbt im Verlauf der Dreharbeiten. Alina, die sich um alles ­kümmert, auch um die Geschwister, weil es sonst niemand tut, erlaubt sich kaum Tränen. Es bleibt keine Zeit, an die eigene Laufbahn zu denken. Das zerstört beinahe ihren Traum vom Fußball.

Es ist bemerkenswert, wie respektvoll Kovalenko diese Geschichte begleitet. Die Doku spart nicht an harten Szenen – einmal sieht man, wie die Kinder den Tod der Mutter mit Playmobil nachspielen –, aber das ist hier kein Sozialkitsch und es gibt auch kein hoffnungsvolles Ende. Niemand wird Alinas Unglück auflösen. Aber es geht doch immer weiter. Es gibt eine schöne Coming-out-Geschichte im Subtext. Ein einfühlsamer Sozialarbeiter tritt ins Leben der ­Protagonistin. Und irgendwann spielt Alina auch wieder Fußball.

Eden Hazard and Christian Benteke, a Bromance
Es gibt eine Welt, in die die meisten Menschen jenseits von Bravo-Sport-Homestorys keinen Einblick haben. Wie leben Fußballprofis wirklich, wie reden sie, wenn der Pressesprecher weg ist? Der überraschend gute Film »Eden Hazard and Christian Benteke, a Bromance« porträtiert die Freundschaft dieser beiden und lässt sie miteinander vom wahren Leben im Spitzenfußball plaudern – fast ohne Handbremse. Gewiss, niemand hier redet über Korruption bei der Fifa, aber sonst über vieles.

Hazards Kindheit spielt in einer weißen, gutbürgerlichen Familie, mit Skiurlauben, Sportlehrervater und Verwurzelung im lokalen Verein. Dieser Hazard erscheint als ein sehr unkomplizierter, entspannter Typ mit wenigen Sorgen, immer gut drauf, aber auch mit großem Ego; einer, über den die kickenden Brüder ob seiner Lässigkeit voller Bewunderung sprechen. Ein Mann, von dem alle wussten, dass er »entweder untergeht oder weiter kommt als alle anderen«.

Hazards guter Freund Christian Benteke ist in vieler Hinsicht das Gegenteil. Aufgewachsen ist er in einem armen Vorort von Lüttich, sein Agent ist auch Sozialarbeiter. »Ich hatte eine harte, aber gute Kindheit«, sagt Benteke. Er war nie der Begabteste, aber der mit der größten Entschlossenheit. Der strenge Vater spricht über sein Leben als Einwanderer. Benteke weiß, was er sich erarbeitet hat. Er erzählt, wie er gern stundenlang vor Spielen über Religion und Politik debattiert, womit er Teamkollegen bisweilen zur Verzweiflung treibt. Hazard wiederum berichtet, wie er von seinen Kindern ausgelacht werde, wenn er Fehlpässe spielt. Dann albern die beiden in diesen makellos sauberen, luxuriösen Küchen herum und wirken nahbar und völlig fehl am Platz.

Foosballers
Sie trainieren vier bis sechs Stunden am Tag, markieren mit Bleistift und Lineal Punkte auf dem Kickertisch oder streuen Mehl auf die Platte, um den Winkel des Balls zu verändern, und was sie spielen, sieht aus wie Schach. Sie sind US-amerikanische Tischkickerprofis, die sich »Foosballers« nennen, weil Kicker dort Foosball heißt, und es ist offenbar ein großes Ding. Der schräge und wunderbare Film von Joe Heslinga wandelt auf den Spuren von Dokumentarfilmen wie »The King of Kong«, die in kleine Underground-Communitys blicken. »Foosballers« begleitet als eine Art dokumentarisches Roadmovie sehr unterhaltsame Charaktere der US-Tischkicker-Szene: Da gibt es den Hippie-Sohn und Szene-Superstar Tony Spredeman (»Er ist ein Gott«) und seinen Herausforderer, den Cannabispflanzer Ryan Moore (der ständig sagt: »Wir haben sehr viel Gras«, und auch den »World Cannabis Cup« gewonnen hat), dazu einen Arzt, dessen ganze Familie vom Kickern besessen ist und dessen Frau und Tochter ebenfalls Weltmeisterinnen sind, und den heimlichen Helden des Films, den 56jährigen Todd Loffredo, der seit den Siebzigern der Szene angehört und immer noch kein anderes Hobby hat. Dass man diese Leute als Freaks ansieht, liegt daran, dass sie kein Geld mit ihrem Sport verdienen. Die Weltmeisterschaften im Tischkickern finden geschlechtergetrennt statt. In »Foosballers« wird die Weltmeisterin der Frauen allerdings eher quotenmäßig vorgestellt, dabei hat sie eine mindestens genauso gute Geschichte: Aufgewachsen in Armut, helfe ihr Tischkicker nun, sich »als jemand zu fühlen«. Letzteres trifft wohl auf viele in der Szene zu.

Freedom Fields
Frauenfußball in Libyen bekommt üblicherweise nicht einmal mehr so etwas wie Mitleidsberichterstattung, er kommt einfach nicht vor. Eine großartige und aufwendige Recherche änderte das nun. Fünf Jahre lang hat die Dokumentarfilm »Freedom Fields« der Filmemacherin Naziha Arebi Frauen bei dem Versuch begleitet, ein Nationalteam – beziehungsweise überhaupt ein Fußballteam – in Libyen aufzubauen. Unter ihnen sind die Medizinstudentin Halima und die aus der libyschen Region Tawergha geflüchtete Frau Nama. Doch wo soll man anfangen, wenn jede Auslandsreise unter fadenscheinigen Begründungen verboten wird, wenn ein Mädchen nach dem anderen heiraten und mit dem Fußballspielen aufhören muss (»Wir werden geboren, um zu heiraten«) und man sie mit dem Tod bedroht, wenn sie trainieren? Einmal, als die Nachbarschaft über den Erfolg des Männernationalteams jubelt, bricht es aus einem Mädchen heraus: »Selbst in Afghanistan dürfen sie spielen, in Saudi-Arabien und im Iran dürfen sie spielen, und hier sehe ich immer nur Jungs, Jungs, Jungs.«

Der Film ist keine triste Passionsgeschichte, er zeigt differenziert die Wege der Mädchen aus liberalen und illiberalen Familien, zeigt die Geschichten derer, die um Fußball kämpfen, und die, die es irgendwann bleiben lassen. Er schafft ein Bewusstsein für ein Land, das sonst in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielt. Auch die Revolution von 2011 thematisiert Arebi in ihrem Film. Von ihr glauben die Fußballerinnen zunächst, sie könne auch ihr Leben verbessern – bis plötzlich Krieg ausbricht. Die Mädchen sehen ungläubig die Fernsehbilder: »Das sieht aus wie bei den Taliban, nicht wie Libyen.« Inmitten des Elends gibt es Momente der Unterstützung. Als einmal das Flutlicht auf dem Platz ausfällt, leuchten die männlichen Anwohner mit ihren Autoscheinwerfern für die Mädchen.

Nachspiel
»Eine neue Hüfte mit 34 ist sehr früh«, sagt Florian Kringe sachlich. Ein Satz wie ein Film. Der Dokumentarfilm »Nachspiel« hat über Jahrzehnte drei Talente von Borussia Dortmund begleitet und erzählt vor allem von zwei Dingen: Fußball in der Klassengesellschaft und Fußball, der kein Spiel mehr ist. Es ist kein Zufall, dass der heutzutage sehr wie ein BWL-Fuzzi wirkende Kringe es als Einziger aus dem Trio im Profifußball schaffte.

Der zweite Protagonist, Heiko Hesse, ist ein gesellschaftlicher Aufsteiger, der Vater war Bergarbeiter, die Mutter Migrantin aus Thailand. Sein Jugendtrainer beschreibt Hesse als »disziplinierten Kämpfer«, nicht als das große Talent. Damit komme er jetzt nicht mehr weiter. Hesse weiß: »Der einzige Weg aus dem Arbeitermilieu raus ist durch harte Arbeit und Schulbildung.« Und er schafft es, diesen Weg zu gehen, auch dank des Fußballs: Er finanziert sich mit dem Spielen ein Studium in den USA, mittlerweile arbeitet er bei der EU-Kommission. Das ist die Geschichte, in der Aufstieg durch Fußball funktioniert, wenn auch nicht der Aufstieg im Fußball.

Der, der am tiefsten unten begann, ist der, der auch am tiefsten fällt: Mohammed Abdulai aus Ghana, der keinen Schulabschluss hat und mit 17 vom BVB verpflichtet wird. Als Abdulai keine Leistung mehr bringt, urteilt der Trainer kühl, er habe keinen Wert mehr. »Das ist für ihn natürlich etwas tragisch, weil er nur als Fußballer eine Aufenthaltsgenehmigung hat.« Abdulai ist das Lumpenproletariat, das durch die Welt tingelt. Heutzutage ist er Busfahrer.

»Nachspiel« funktioniert auch, weil der Film so unterschiedliche Menschen sprechen lässt. Florian Kringe arbeitet im Scouting und erzählt von England, wo sie schon in den U-9-Teams Pulsuhren tragen. »Das ist alles so gläsern.« Die Horrorvision des vermessenen Spiels stört niemanden. Und Lars Ricken unterläuft im Gespräch mit Kringe ein witziger Versprecher: »Wenn du vor 34 000 Euro spielst.« Er meint Zuschauer.