Allein unter Vögeln

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»Dreizehenmöwe, Eissturmvogel, Sturmmöwe, Schmarotzerraubmöwe, Trottellumme, Dickschnabellumme, Gryllteiste, Tordalk, Papageitaucher, Eiderente. Ich.« Das sind die gefährdeten Arten, die die Erzählerin in Gøhril Gabrielsens Roman »Die Einsamkeit der Seevögel« aufzählt. Die junge Wissenschaftlerin, die das Schwinden der Zugvögelpopulationen unter den Bedingungen des Klimawandels am Nordzipfel Norwegens untersuchen will, ist auf andere Weise gefährdet als die Seevögel, über die sie forscht. Alle fünf Wochen bringt ein Schiff ihr Proviant vorbei, alle zwei Tage spricht sie auf Skype mit ihrem Freund Jo, der versprochen hat, sie bald zu besuchen. »Siebter Januar. Meine Erwartungen an das Skype-Gespräch mit Jo später am Abend steigen parallel zur Sorge vor möglicher Wolkenbildung im Laufe des Tages. Mehrmals trete ich vor die Hütte, suche den Himmel nach Anzeichen ab, dass es sich zuziehen könnte«, notiert sie knapp. Bedrohlich sind die Mittteilungen, die sie von S. erhält: »Glaub ja nicht, dass du mir entkommen kannst.« S. ist ihr gewalttätiger Ex-Mann, den sie verlassen hat: am zweiten Geburtstag der gemeinsamen Tochter Lina, als gerade der Kuchen angeschnitten wurde. S. bekam das Haus und blieb bei der Tochter, gibt aber noch immer keine Ruhe – und während die Forscherin in Schneestürmen und Dunkelheit vor Sehnsucht nach Lina zu vergehen scheint, wächst zusehends die Angst vor dem Ex. Jo entpuppt sich unterdessen als ein moderner Vater, der sich um sein eigenes Kind kümmert und seine Tochter Maria nicht allein lassen will, so lange seine Ex-Frau an ihrem Forschungsprojekt arbeitet. Allein mit den gefährdeten Vögeln in der eisigen Wildnis steigert sich die Frau in einen Verfolgungswahn hinein. Oder sind die Bedrohungen real? Welche Rolle spielt der Kapitän des Versorgungsschiffes, dessen Augen »blitzen wie Messer« und der ein­samen Forscherinnen gern Gesellschaft leistet? Ein Roman wie ein Thriller, und vor dem Showdown lernt man eine Menge interessanter Dinge über das Vogelleben im hohen Norden.

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Gøhril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel. Aus dem Norwegischen von Hanna Granz. Insel-Verlag, Berlin 2020, 175 Seiten, 20 Euro