Der schwierige Umgang mit sexuellen Übergriffen in der Linken

Übergriffe auf dem Dixiklo

Auf dem linken Festival »Monis Rache« erstellte ein Mitarbeiter heimlich Videos von Toilettenbesucherinnen und verbreitete diese auf einer Porno-Website. Der Umgang mit dem Täter offenbart ein weiteres Mal die Unfähigkeit der Linken, mit sexuellen Übergriffen in den eigenen Reihen umzugehen.

»Sexuelle Übergriffe in linken Kontexten sichtbar machen und bekämpfen« – so stand es 2018 auf einem Transparent, das auf dem Festival »Monis Rache« hing. Leider konnte dieser Anspruch nicht eingelöst werden. Vor zweieinhalb Wochen wurde durch eine investigative Reportage bekannt, dass auf dem Festival 2016 und 2018 ein Mitarbeiter auf Dixiklos heimlich Videoaufnahmen mit versteckten Minikameras erstellte und diese auf mindestens ­einer Porno-Website verbreitete. Der Reportage zufolge, die auf STRG_F ­erschienen war, einem Videoreportageformat des Online-Portals Funk von ARD und ZDF, verdiente der Täter durch den Verkauf der Videos etwa 7 400 Euro.

Es gibt eine Gesellschaft, ein Umfeld, in dem die Gewalt stattfindet. Dieses Umfeld und der Täter müssen Verantwortung für die Taten übernehmen.

Das linke Festival mit dem ungewöhnlichen Namen wurde von etwa 200 Ehrenamtlichen aus verschiedenen Städten kollektiv organisiert und fand von 2016 bis 2018 in Tutow in Mecklenburg-Vorpommern statt. Obwohl ein kleiner Kreis von Personen aus der Festivalorganisation schon seit September 2019 von den Aufnahmen wusste, wurden die Informationen nicht öffentlich gemacht.

Anzeige

Wie konnte es dazu kommen? Monate­lang recherchierte die Journalistin ­Patrizia Schlosser von STRG_F auf der Porno-Website xHamster und stieß ­dabei auf die Videos des Festivals, die ein Nutzer hochgeladen hatte. Nachdem die Journalistin erfolglos versucht hatte, mit dem Team von »Monis ­Rache« Kontakt aufzunehmen, erreichte sie zum Festival gehörige Person durch persönliche Verbindungen. Im Oktober 2019 traf sie sich mit wenigen Mitgliedern der Festivalorganisation und informierte sie über die nicht konsensuellen Aufnahmen. Gemeinsam konnten sie den Täter ermitteln. Diese »Erst-Kenntnis-Gruppe« (EKG), wie sie sich selbst nennt, bestand aus nur wenigen Mitgliedern der Festivalorganisation, informierte die restlichen Mitglieder nicht über die Videos und entschied sich dagegen, Anzeige zu erstatten. Der Großteil der Crew von »Monis Rache« erfuhr ebenso wie der Rest der potentiell Betroffenen, Festivalbesucherinnen und -besucher, erst durch die Veröffentlichung der Reportage am 7. Januar von den Aufnahmen.

Noch immer ist vieles unklar. Wie viele Videos genau aufgenommen und verbreitet wurden und wie hoch die tatsächliche Zahl der Betroffenen ist, ist nicht bekannt. 2016 und 2018 waren ­jeweils etwa 4 000 Personen auf dem Festival. Der Reportage zufolge wurden offenbar nur Videos, auf denen FLINT-Personen, also Frauen, Lesben, Inter-, Non-binary- und Trans-Personen, zu sehen sind, online verbreitet. Jedoch ist nicht ausgeschlossen, dass auch Mate­rial mit männlichen Personen online gestellt wurde. Ebenso unklar ist, ob ­Videos von Minderjährigen aufgenommen wurden.

Erschütternd ist bei diesem Übergriff nicht nur die große Zahl der potentiell Betroffenen, sondern auch, dass er auf einem linken Festival passiert ist und sich der Täter dem linken Milieu zuordnet. Erst eine Woche vor dem Bekanntwerden der Vorfälle bei »Monis Rache« hatte einer Stellungnahme des Conne Island in Leipzig zufolge beim Konzert des Performance-Kollektivs HGich.T in dem Kulturzentrum ein männliches Mitglied der Gruppe eine Besucherin auf der Bühne vergewaltigt. Gegen ihn wurde noch am selben Abend Anzeige erstattet.

Beide Fälle zeigen, dass sexualisierte Gewalt innerhalb der linken Szene weiterhin ein Problem darstellt. Die Aufdeckung der Übergriffe auf dem Festival schafft Aufmerksamkeit für dieses Problem. In Südkorea ist das Phänomen der Molka-Videos (kurz für mole camera, Maulwurfkamera), wie die nicht konsensuellen Aufnahmen dort genannt werden, schon länger bekannt: 2017 wurden 5 400 Verdächtige festgenommen und 2018 demonstrierten Tausende Frauen deswegen. Molka-Videos sind eine Form der sexualisierten Gewalt. Diese bedeutet immer eine Ausübung von Macht. Die Aufwertung und Machtposition der eigenen Person entsteht bei den ­Videos durch die Abwertung und das Filmen der Toilettenbesucherinnen in einer erniedrigenden Situation. Juristisch fällt das Vorgehen unter den Tatbestand des Paragraphen 201a des Strafgesetzbuchs (»Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen«) und kann mit bis zu zwei Jahren Gefängnis bestraft werden.

So viele potentiell Betroffene es bei den Videos von dem Festival gibt, so unterschiedliche Möglichkeiten des Umgangs damit gibt es. Jessica R., die 2018 als Besucherin bei »Monis Rache« war, hat Anzeige erstattet. Sie sagte der Jungle World: »Dadurch habe ich das Gefühl, mir meine Handlungsfähigkeit zurückerobert zu haben. In einem Fall dieser Größenordnung kann eine Strafverfolgung Objektivität und Universalität gewährleisten und ich will, dass sexualisierte Straftaten konsequent verfolgt werden.« Sarah B. hat sich ­unter anderem aus politischen Gründen gegen eine Anzeige entschieden: »Ich stehe dem Strafrecht und dem ­Gefängnissystem kritisch gegenüber. Zudem möchte ich keine Anzeige erstatten aus Erfahrungen, die ich selbst mit der Polizei gemacht habe, da ich es vermeiden möchte, reviktimisiert und retraumatisiert zu werden.«

Auch die ersten Mitglieder der Festivalorganisation, die von den Videos ­erfahren hatten, entschieden sich gegen eine Anzeige – und stattdessen für den Ansatz der »Transformative Justice«. Dieser sowie das Konzept der »Community Accountability« stammen aus den USA. Sie werden als Alternative zu Gefängnissen, staatlicher Gewalt und Justiz dargestellt. Denn es gibt Personen, für die die Polizei oft die Quelle weiterer Gewalt ist, beispielsweise people of color, Sexarbeiterinnen, Geflüchtete oder Transpersonen.

Beim Konzept der Community ­Accountability, zu Deutsch etwa die Verantwortungsübernahme durch das Umfeld, wird die Verantwortung für Gewalt nicht individualisiert. Es gibt eine Gesellschaft, ein Umfeld, in dem die Gewalt stattfindet. Dieses Umfeld und der Täter müssen Verantwortung für die Taten übernehmen. Dabei soll der Täter nicht bestraft, ausgestoßen oder als Monster betrachtet werden. Der Ansatz klingt vielversprechend, denn nur wenn sich die Täter ändern, wird sich auch gesellschaftlich in ­Bezug auf sexualisierte Gewalt etwas ändern.
Doch im Umgang der EKG mit diesen Konzepten gibt es mehrere Probleme. Wie beim Konzept der Definitionsmacht sind die Sicherheit und Selbstbestimmung der Betroffenen zentrale Anliegen von Transformative Justice. Indem die EKG die Taten nicht öffentlich gemacht und sich nicht an die Betroffenen ­gewandt hat, hat sie diesen Grundsatz missachtet. Mehrere Monate lang wohnte der Täter weiter in einem Hausprojekt in Leipzig, ohne dass seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner von seinen Taten wussten. Betroffenenschutz sieht anders aus. Stattdessen hat die EKG den Täter geschützt. Ihr Vorgehen zeigt auch, dass es nicht sinnvoll ist, wenn solche Konzepte von Laien angewandt werden. Zudem funktioniert Transformative Justice nur, wenn der Täter sein Verhalten ändern will. In der Reportage von STRG_F wirkt es jedoch so, als sei der Täter zu einem ­Interview gedrängt worden.

Die Einbeziehung der Polizei und Transformative Justice scheinen sich zu widersprechen. Das muss aber nicht so sein. Durch eine Anzeige werden Prozesse transparent gemacht und Beweise können gesichert werden. Doch gerade bei sexualisierter Gewalt gerät das Strafrecht an seine Grenzen. Denn für zwischenmenschliche Beziehungen, gemeinsames Wohnen oder gemeinsame politische Arbeit findet sich keine Lösung vor Gericht. In diesen ­Bereichen kann Transformative Justice eine strafrechtliche Auseinandersetzung ergänzen.

Es bedarf einer breiten gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik nichtkonsensueller Pornovideos. So fordern die potentiellen ­Betroffenen Jessica R. und Sarah B. einen gesellschaftlichen Transformationsprozess, eine Debatte über die Degradierung von Frauen und Trans-Per­sonen zum Objekt und über toxische Männlichkeit. Und sie fordern, die ­Bedürfnisse von Betroffenen ernst zu nehmen.