Proteste gegen Kirchenbau

Chillen statt Beten

In Jekaterinburg haben die Bewohner durch zivilen Ungehorsam verhindert, dass ein beliebter Park einer Kathedrale weichen muss. Auch in anderen russischen Städten regt sich Widerstand gegen den Bau von Kirchen.

Zuletzt hatte sich der Metropolit persönlich eingemischt. Zehn Tage lang hatten Hunderte bis Tausende Menschen in Jekaterinburg gegen den Bau einer Kirche in einer beliebten Parkanlage im Stadtzentrum, dem Park vor dem Dramatischen Theater, demonstriert. Mehrere Zäune um die Baustelle hatten sie dabei eingerissen, den ersten Zaun, der die Baustelle abgrenzen sollte, warfen sie in den naheliegenden Teich. Metropolit Kyrill, das Oberhaupt der Jeka­terinburger Eparchie, wandte sich vergangene Woche an die Bauherren mit der Bitte, den Zaun um die Baustelle endgültig zu entfernen – nicht aus Kritik am Kirchenbau, sondern »um des Friedens willen«. Am 20. Mai verkündete die Baufirma, dem nachzukommen.

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Es ist nicht das erste Mal, dass es Versuche gibt, die Kirche an der Stelle ­wieder aufzubauen. Fast 200 Jahre lang hatte dort die Kirche der Heiligen ­Jekaterina gestanden, 1930 wurde sie gesprengt und stattdessen der Park angelegt. Bereits früheren Wiederauf­bauversuchen der Kirche nach dem Ende der Sowjetunion wurde mit ­Protesten begegnet. Jekaterinburg hat den Ruf einer äußerst politisierten Stadt. Hier begann Boris Jelzin seine politische Karriere, ihm zu Ehren ­wurde 2015 das Jelzin-Zentrum errichtet, ein Museum mit nostalgischer Darstellung des umstrittenen Präsidenten.

Als die Bauarbeiten für die Kirche am 13. Mai dieses Jahres begannen, ­eskalierte der Konflikt. Hunderte Protestierende umzingelten die Baustelle, um die Arbeiten zu verhindern. Die gegen sie eingesetzte Polizei wurde durch private Sicherheitsfirmen und »Freiwillige«, unter ihnen etliche ­bekannte Kampfsportler, verstärkt. Zunächst hatten die Befürworter der ­Kirche behauptet, der Protest werde von angereisten Unruhestiftern organisiert und getragen; ein paar Tage später tauchten dann aus Moskau angereiste Mitglieder der radikalen orthodoxen Bewegung »Sorok Sorokow« auf, um die Baustelle zu schützen. In die protestierende Menschenmenge wurde Reizgas gesprüht, innerhalb von drei Tagen und Nächten wurden circa 100 Protestierende festgenommen. Dabei betonten die Protestierenden, sie seien nicht gegen die Kirche an sich, sondern gegen die Zerstörung des Parks, ganz egal durch welche Bauten. In ­einer Industriestadt wie Jekaterinburg sind Grünanlagen rar. Jede einzelne sei kostbar, so die Baustellengegner.

Am 14. Mai lud der Gouverneur des Oblast Swerdlowsk, Jewgenij Kuiwaschew, Gegner und Befürworter des Bauprojekts zum Dialog ein. Die ­Gespräche führten aber zu keinem Ergebnis, zumal die Bauarbeiten währenddessen fortgesetzt wurden. Erst am 16. Mai tauchte der Bürgermeister der Stadt, Aleksandr Wysokinskij, im Park auf, in dem die Protestierende rund um die Uhr Wache hielten. Sein Auftritt rief lediglich Pfiffe und Beschimpfungen hervor. Mittlerweile war der Konflikt um den Park landesweit zum ­Thema geworden.

Am 16. Mai sprach schließlich Präsident Wladimir Putin sein als Empfehlung getarntes Machtwort. Bei einer Pressekonferenz in Sotschi auf den Konflikt in Jekaterinburg angesprochen, sagte er, eine Umfrage unter den ­Bewohnern der Stadt solle die Entscheidung bringen. Die Umfrage des staat­lichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM ergab ein eindeutiges Bild: 58 Prozent der Befragten plädierten für den Erhalt des Parks.

Aus den Reihen der Protestierenden werden jedoch Stimmen lauter, die ein Referendum zu der Frage verlangen, da Umfrageergebnisse keinen bindenden Charakter hätten. Die kommunistische Fraktion im Stadtrat verlangt die Auflösung des Rats und eine Neuwahl, mit der Begründung, die Entscheidung, den Park zu opfern, sei von der Regierungspartei Einiges Russland mitgetragen worden, die derzeit auch die größte Fraktion im Jekaterinburger Rat bildet.

Am Mittwoch vergangener Woche erklärte Gouverneur Kuiwaschew den Konflikt für beendet. Die Kirche werde aufgrund der Umfrageergebnisse ­woanders gebaut.

Doch es geht nicht nur um Sakrales, neben der Kirche soll auch ein Geschäftszentrum mit Luxusappartements entstehen. Das Bauvorhaben hat mächtige Befürworter. Der wichtigste von ihnen ist zugleich sein Hauptgeldgeber, Igor Altuschkin, ein Milliardär, Mäzen und guter Freund des Gouverneurs. Er ist Haupteigner der Russischen Kupferkompanie (RMK), des drittgrößten Kupferproduzenten in Russland. Die Kampfsportler, die beim Zurückdrängen der Protestierenden im Park geholfen hatten, kamen von der von dem Kupferkonzern gegründeten Kampfkunst­akademie RMK in Jekaterinburg.

Die vorerst erfolgreichen Proteste für den Erhalt des Parks zeigen, wie wirksam urbane Proteste sein können. Mittlerweile gibt es auch in St. Petersburg und Nischni Nowgorod Proteste gegen Kirchenbauten an Erholungs­orten, in mehreren Großstädten, darunter Krasnojarsk und Tscheljabinsk, wurden umstrittene Kirchenbauprojekte präventiv auf Eis gelegt.