Geschlechterverhältnisse in der Kritischen Theorie

»Zum Spiegelei habe ich nichts gefunden«

Trotz des großen Einflusses der Frankfurter Schule greift die Geschlechterforschung kaum auf sie zurück. Die Soziologin Barbara Umrath interessiert sich für die Kritische Theorie aus feministischer Perspektive.

Warum ist es interessant, die Arbeiten des Instituts für Sozial­forschung aus geschlechtertheoretischer Perspektive wieder zu ­entdecken?
Mich hat von dem Zeitpunkt an, als ich erstmals mit der Kritischen ­Theorie in Berührung kam, beeindruckt, wie diese gesellschaftlicher Herrschaft bis in ihre feinsten Ver­ästelungen nachspürt und damit die bürgerliche Gesellschaft als eine falsche und gewaltförmige offenlegt. Zu dieser Zeit, in den nuller Jahren, wurde von feministischer Seite verstärkt diskutiert, was von der – wohlgemerkt selektiven – Aufnahme feministischer Forderungen in den gesellschaftlichen Mainstream zu halten sei. Angela McRobbie in »Top Girls«, Nina Power in »One-Dimen­sional Woman«, Nancy Fraser oder etwas früher schon Andrea Trumann – sie alle haben in unterschiedlicher Weise die Frage aufgeworfen, wie es zu einer kapitalistischen beziehungsweise neoliberalen Umdeutung feministischer Positionen kommen konnte und wie sich dem begegnen lässt. Was Letzteres betrifft, schien mir die ältere Kritische Theorie vielversprechend.

»Adorno hat sehr genau wahrgenommen, wie sich gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse auch in den privat genannten Beziehungen niederschlagen.«

Worin besteht die neoliberale Umdeutung feministischer Posi­tionen? Warum ist bei diesem Problem die Kritische Theorie vielversprechend?
Fraser zufolge beruht die neoliberale Umdeutung feministischer Positionen im Wesentlichen darauf, dass die Forderung nach Anerkennung entkoppelt wird von der nach Umverteilung. Power hat nicht zuletzt ein spezifisches Verständnis von Feminismus als ein Sich-besser-Fühlen-Programm im Blick, wie es in den nuller Jahren über Bestseller und populäre Serien wie »Sex and the City« Verbreitung fand. Die neoliberale Umdeutung oder Verkürzung besteht im Aufgreifen eines Versprechens auf Anerkennung bei gleichzeitiger Dethematisierung von ökonomischer Ungleichheit und der Möglichkeit einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung. Genau hier wird die ältere Kritische Theorie interessant: Ihr Verständnis von Emanzipation geht über schlichte Anerkennung hi­naus. Sie problematisiert, wie die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft geworden sind. Emanzipation würde die Entwicklung anderer, weniger herrschaftsförmiger – vielleicht gar herrschaftsfreier – Subjektivierungsweisen bedeuten.

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Allerdings geht das Emanzipa­tionsverständnis der Kritischen Theorie auch über eine Forderung nach schlichter Umverteilung hinaus...
Das stimmt. Die Kapitalismuskritik der Kritischen Theorie beschränkt sich nicht auf eine Skandalisierung von Verteilungsungerechtigkeiten. Das Problem ist ihr zufolge ein viel grundlegenderes, nämlich das der kapitalistischen Produktionsweise. In dieser steht die Kapitalakkumu­lation beziehungsweise die Selbstverwertung des Werts im Zentrum. Die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ist bestenfalls Nebenprodukt. Deshalb erfordert Emanzipation für die Kritische Theorie eine Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise. Ihre Kapitalismuskritik hat dabei auch eine subjekttheoretische Dimension: Im Kapitalismus wird isoliert und in Konkurrenz zueinander produziert, die Gesellschaftlichkeit wird erst über den Markt hergestellt und zerfällt im Konsum wieder. Das schlägt sich in der Monadenhaftigkeit des bürger­lichen autonomen Subjekts nieder. Zugleich wird das bürgerlich-auto­nome Subjekt von der Kritischen Theorie als eine männliche Struktur analysiert. Erkannt wird damit, dass diese Form von Subjektivität aufs Engste mit symbolisch-kulturellen Konstruktionen von Männlichkeit verknüpft ist und in Abgrenzung zu einer als naturhaft, schwach und ­unterlegen erscheinenden Weiblichkeit erfolgt. Entsprechend gehört zur Emanzipation die Entwicklung nichtmonadischer, nicht länger männlicher Subjektivierungsweisen.
Ausgerechnet die häufig als pessimistisch verschriene ältere Kritische Theorie bietet damit eine Perspek­tive, die neoliberale Vereinnahmungen zu kritisieren und utopisch über den Status quo hinauszugehen.

Mädchen werden in die Hausarbeit eingeführt.

Bild:
mauritius images / ClassicStock / H. Armstrong Roberts

Gibt es weitere Punkte, in denen Geschlechterforschung an die ­Kritische Theorie anknüpfen kann oder sollte?
Für die Kritische Theorie bildet die bürgerliche Gesellschaft eine Tota­lität, das heißt ein strukturiertes Ganzes. Sie versteht dieses Ganze als einen Herrschaftskomplex, in dem verschiedene, nur analytisch zu trennende Macht-, Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse konstitutiv miteinander verbunden sind. Entsprechend fokussiert ihre Kritik nicht einen Hauptwiderspruch, weder den Kapitalismus noch das Patriarchat, sondern die bürgerliche Gesellschaft als ganze. Damit ist ihr Gesellschaftsbegriff meines Erachtens anschlussfähig an Diskussionen, wie sie derzeit sowohl in der Geschlechterforschung als auch in aktivis­tischen Kreisen unter dem Schlagwort Intersektionalität geführt ­werden.

»Die Geschlechterdifferenz wird von der Kritischen Theorie binär verstanden und Zweigeschlechtlichkeit über weite Strecken reproduziert.«

Inwiefern ist Ihr Gesellschaftsbegriff da anschlussfähig?
Die aktuellen Debatten konzentrieren sich häufig auf Fragen der Diskri­minierung, Unsichtbarkeit und Nichtrepräsentation. Dass damit Engführungen vorgenommen werden, wurde bereits verschiedentlich kritisiert. Ich denke, dass die Kritische Theorie einen guten Ansatzpunkt bietet, solche Verengungen zu vermeiden. Mit ihr lässt sich darüber nachdenken, was es heißen könnte, Intersektionalität gesellschaftstheoretisch auszubuchstabieren. Dabei denke ich nicht, dass die Kritische Theorie bereits unmittelbar eine Antwort oder Lösung bereithält. Ihr komplexer Gesellschaftsbegriff deutet aber zumindest an, woran weiterzuarbeiten wä­re. Außerdem hat sie mit ihren Ana­lysen des Antisemitismus ein Moment des Herrschaftszusammen­hangs bürgerliche Gesellschaft im Blick, der in den Diskussionen um Intersektionalität bisher stark vernachlässigt, bisweilen gar heruntergespielt wird.

Die Zweite Frauenbewegung verwendete den Slogan »Das Private ist politisch«, um auch die Verhältnisse in der vermeintlich privaten Sphäre zu problematisieren. Würde die Kritische Theorie das auch so sehen?
Für die Kritische Theorie ist das sogenannte Private gesellschaftlich – und damit eben nicht schlicht privat im Sinne von bloß individuell oder gesellschaftstheoretisch nebensächlich. Im Gegenteil. So wird etwa die patriarchale Familie als von gesamtgesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen geprägt verstanden und ihrerseits wiederum – durch die Produktion autoritärer Charaktere – als eine zentrale Stütze außerfamili­ärer Herrschaftsverhältnisse. Die Kritische Theorie hat schon sehr früh erkannt, welche Bedeutung dem, was wir heutzutage wohl eher Subjektivierungsweisen nennen würden, für die Aufrechterhaltung von Herrschaft zukommt. Insofern gibt es da schon eine große Nähe zu besagtem Motto. Allerdings ging es der Zweiten Frauenbewegung bei der Betonung dessen, dass das Private politisch sei, auch sehr stark darum, Veränderungen in den konkreten Beziehungen der Geschlechter im Hier und Jetzt einzufordern – und dies nicht bis zum Tag X der Revolution oder Emanzi­pation zu vertagen.

Wie sah die konkrete Beziehung von Theodor W. Adorno und ­Gretel Adorno aus? Hat Theodor ­W. Adorno manchmal geputzt oder sich ein Spiegelei gebraten?
Zum Spiegelei habe ich bei meinen Recherchen nichts gefunden. Auch Staci von Boeckmann geht in ihrer Rekonstruktion von Leben und Werk Gretel Adornos nicht darauf ein. Falls Theodor W. Adorno dies nicht getan haben sollte, würde ich nicht ausschließen, dass er auch an seine eigene Ehe gedacht hat, wenn er in den »Minima Moralia« schreibt: »Jedes gemeinsam auftretende Ehepaar ist komisch.« Jedenfalls hat Adorno sehr genau wahrgenommen, wie sich gesellschaftliche Geschlechterver­hältnisse auch in den privat genannten Beziehungen niederschlagen.
Grundsätzlich wird die Mehrfachbelastung von Frauen durch Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Kinderbetreuung von der Kritischen Theorie durchaus gesehen und problematisiert. Allerdings wird die Möglichkeit einer Entlastung der Frauen durch Umverteilung der Arbeit zwischen den Geschlechtern, wie sie im Zuge der Neuen Frauenbewegung eingefordert werden sollte, auch von weiblichen Institutsmitarbeiterinnen wie Hilde Weiss nicht in Erwägung gezogen. Vielmehr galt damals in ­marxistischen Zusammenhängen eine Vergesellschaftung von Haus­arbeit und Kindererziehung als adä­quate Lösung.

Der Patriarchat sitzt bequem im Ohrensessel.

Bild:
mauritius images / ClassicStock / H. Armstrong Roberts

Eine mögliche Lösung, über die heutzutage kaum noch diskutiert wird?
Ja, wenn wir uns die heutigen Debatten zu Care oder zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf anschauen, dann fällt auf, dass sich diese in erster Linie um Kinderbetreuung drehen. Die Frage einer Vergesellschaftung von Hausarbeit wird kaum ­gestellt. Diesen Faden wieder aufzunehmen, halte ich durchaus für ­sinnvoll.

Anders als zu Zeiten von Theodor W. und Gretel Adorno wird heutzutage die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern mittlerweile von der Mehrheit gefordert und oft auch realisiert. Warum trotzdem noch von der patriarchalen Gesellschaft sprechen? Ist die Kritische Theorie in manchen Aspekten überholt?
Viele Analysen der Kritischen Theorie sind zweifelsohne stark zeitbedingt. Sie sieht gerade von den damaligen ökonomischen Entwicklungen, mit denen sich auch im Mittelstand für Frauen Erwerbsmöglichkeiten außerhalb der Familie eröffnen, Tendenzen zur Untergrabung der pat­riarchalen Familienautorität ausgehen. Insgesamt jedoch beschreibt die Kritische Theorie die Familienverhältnisse ihrer Gegenwart als weit­gehend patriarchale.
Ob der Patriarchatsbegriff immer noch geeignet ist, die gegenwärtigen Geschlechterverhältnisse analytisch zu fassen, ist in der Frauen- und Geschlechterforschung seit geraumer Zeit umstritten. Mit Blick auf die von dir angedeuteten Entwicklungen konstatierte etwa Ute Gerhard jüngst, dass das, was patriarchale Strukturen im engeren Sinne ausgemacht hat, nämlich die Verknüpfung zwischen Vorherrschaft und Versorgung, zwischen Bevormundung und Schutz nach außen, heutzutage so nicht mehr besteht. Gleichzeitig wird in aktuellen empirischen Untersuchungen zu Aushandlungsprozessen heterosexueller Paare oder Sichtweisen von Jugendlichen auf Liebesbeziehungen deutlich, dass die Geschlechterverhältnisse weiterhin von einer Hierarchie gekennzeichnet sind, die sich durchaus als patriarchale beschreiben lässt.

Wie verwende Sie den Begriff des Patriarchats?
Wenn ich von der patriarchalen, bürgerlichen Gesellschaft spreche, folge ich zunächst einfach mal der Kritischen Theorie. Sie hat diese patriarchalen Geschlechterverhältnisse als zentrales Moment eines größeren Zusammenhangs verstanden, nämlich der bürgerlichen Gesellschaftsformation. Während die Vormachtstellung des Mannes in der Familie tendenziell erodiert, bleibt die Gesellschaft aus Sicht der Kritischen ­Theorie eine patriarchale. Als patriarchal gilt ihr die spätbürgerliche Gesellschaft, da diese weiterhin – vielleicht sogar mehr denn je – von Leistung und Konkurrenz geprägt ist, wohingegen die Sorge für menschliche Bedürfnisse sekundär ist. Leistung und Konkurrenz werden dabei als männliche Prinzipien verstanden, während Fürsorge, Liebe sowie eine Orientierung an Potentialen und Bedürfnissen von Menschen bei Fromm, Horkheimer, Löwenthal und Marcuse – nicht jedoch bei Adorno – immer wieder als weibliche Prinzipien beschrieben werden. Damit machen sie darauf aufmerksam, dass die kapitalistischen Produktionsweise mit symbolisch-kulturellen Kons­truktionen von Männlichkeit und Weiblichkeit verbunden ist – und dass es darum gehen muss, diesen Gesamtzusammenhang zu verändern. Überwindung des Kapitalismus erfordert eine Veränderung der Geschlechterordnung und vice versa.

Wird durch dieses Verständnis vom Patriarchat nicht der klassische bürgerliche Geschlechter­dualismus beziehungsweise die Zweigeschlechtlichkeit überhaupt reproduziert? Für eine heutige feministische Kritik wäre dies nicht gerade anschlussfähig.
Ja, das ist ein berechtigter Einwand. In der Tat wird Geschlechterdifferenz von der Kritischen Theorie binär verstanden und Zweigeschlechtlich­keit über weite Strecken reproduziert. Dies hängt damit zusammen, dass die Kritische Theorie anders als heutige Geschlechterforschung die Zweigeschlechtlichkeit des Geschlechtskörpers noch nicht als historisch-­gesellschaftliches Phänomen erkannt hat. Wenn man sich aber etwa Marcuses Emanzipationsperspektive eines »feministischen Soziaismus« ­näher anschaut, wird deutlich, dass er versucht, mit den Begriffen der Geschlechterdifferenz über diese hinauszudenken. In seinem »feministischen Sozialismus« würde die dichotome Gegenüber­stellung von männlich und weiblich im Hegel’schen Sinne aufgehoben – und das sowohl auf gesellschaftlich-sozialer als auch auf individuell-­subjektiver Ebene. Wenn die in der bürgerlichen Gesellschaft als weiblich geltenden Prinzipien wie Fürsorge und Bedürfnisorientierung nicht länger verdrängt, sondern zu gesellschaftsstrukturierenden Prinzipien würden, wären die Menschen zugleich frei, Qualitäten und Eigenschaf­ten zu entwickeln, die bisher ent­weder Männern oder Frauen zugeschrieben worden waren. Marcuse spricht in diesem Zusammenhang von Andro­gynität, den erst später etablierten Begriff queer kannte er nicht. Wenn er in seinem Buch »Eros and Civilization« (»Triebstruktur und Gesellschaft«) ein vom Primat der Genitalität geprägtes körperlich-sinnliches Empfinden problematisiert und die Entwicklung eines neuen Verhältnisses von Vernunft und Sinnlichkeit als Emanzipationsperspektive entwirft, dann lässt sich dies aber durchaus als queer bezeichnen: Eman­zipation zielt bei ihm auf Aufhebung der klassischen westlichen Gegensatzpaare wie Sein und Denken, Geist und Körper, Vernunft und Sinnlichkeit – Dualismen, deren implizite Vergeschlechtlichung durch feministische Theorie aufgezeigt wurde. Es geht um die Entwicklung neuer Selbst- und Weltverhältnisse jenseits des kapitalistisch-männlichen Leistungsprinzips. Überwindung des Kapitalismus, Entwicklung neuer Geschlechterverhältnisse, körperlicher und sexueller Verhältnisse werden als aufs Engste zusammenhängend gedacht. Das macht Marcuse wie die Kritische Theorie insgesamt heutzutage weiterhin aktuell.

Barbara Umrath: Geschlecht, Familie, Sexu­alität. Die Entwicklung der Kritischen The­orie aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Geschlechterforschung. Campus, Frankfurt/NY 2019, 409 S., 34,95 Euro