Buch - Yishai Sarid: Monster

Monströse Erinnerung

Der studierte Jurist Yishai Sarid hat sich in Israel längst einen Namen als Schriftsteller gemacht. Er war als Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee tätig, arbeitete als Staatsanwalt, bevor er sich als Anwalt in Tel Aviv niederließ und nebenbei zu schreiben begann. Wie schon seine beiden ersten Romane ist auch sein drittes Buch in deutscher Übersetzung erschienen.

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Alle drei Romane erzählen von der Komplexität der israelischen Gegenwart und Geschichte aus der Perspektive einer Person, die in ihrem Beruf für eine »gute Sache« einstehen will. In »Alles andere als ein Kinderspiel« kämpft eine Erzieherin in einem Friedenskindergarten gegen Immobilienspekulation, im Politthriller »Limasoll« ringt ein Mossad-Agent mit seinem Gewissen. In dem jüngsten ­Roman »Monster« führt ein auf die Logistik des Holocaust spezialisierter israelischer Historiker als Tour­guide durch NS-Gedenkstätten, um Schulklassen, Soldaten und Touristen sein Wissen über die Judenvernichtung zu vermitteln. Die Arbeit belastet und fasziniert ihn. Die Geschichten der Opfer sind ihm so vertraut wie die der Täter; er kennt die Abläufe in den Lagern und die Details der ­Tötungstechnologien. In Musterbaracken steht er vor Schulklassen und versucht die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Teenager zu nutzen, um ihnen den Hass, die Ideologie und die Ökonomie zu erklären, die in den KZ herrschten. Immer öfter weicht er spontan von seinem Vortrag ab, weil er seine Zuhörer erreichen will, aber auch, weil er die Selbstkontrolle verliert. Dass er an der Größe der Aufgabe scheitert, macht seine Menschlichkeit aus.

Der Form nach ist dieser glänzend geschriebene Roman ein Brief an den Direktor von Yad Vashem, in dem der Guide gegen seine Entlassung protestiert und die Gründe für ein Fehlverhalten schildert, das zu seinem Rausschmiss führte. Mit eindringlichen Worten beschwört er die Gegen­wärtigkeit der Vergangenheit, an der buchstäblich seine Existenz hängt.

Yishai Sarid: Monster. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2019, 174 Seiten, 21 Euro

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