Die Stasi im DDR-Fußball

Der IM bleibt am Ball

Dass Spieler und Funktionäre ehemaliger DDR-Fußballvereine teilweise sehr engagiert für die Stasi spitzelten, interessiert Fans kaum. Auch die angekündigte Aufarbeitung durch den DFB bleibt aus.

Das vergangene Jahr endete für die Funktionäre, Mitglieder und Fans des Halleschen FC mit einem Skandal. Anfang Dezember wurde bekannt, dass der langjährige Präsident des Drittligisten, Michael Schädlich, als inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi sehr viel aktiver war, als die Öffentlichkeit bisher angenommen hatte. Unter dem Decknamen »Walter Flegel« bespitzelte er von 1983 bis 1989 für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Studenten, Dozenten und Professoren der Abteilung Wirtschaftswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Aus den Akten geht hervor, dass Schädlich detailliert über mehrere Zielpersonen berichtete. Dabei soll er teilweise sogar den privatesten Bereich seiner Kollegen ausgeforscht haben.

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»Er war beteiligt an der Unterminierung der Kollegialität. Er hat seine Aufgaben übererfüllt. Seine Überangepasstheit führte dazu, dass er sehr, sehr viel weitergemeldet hat. Eine Vorbildfunktion hat er, von heute aus gesehen, nicht, und von damals aus gesehen schon gar nicht«, ordnete der Historiker Harry Waibel im Gespräch mit dem MDR die Tätigkeit des inoffiziellen Mitarbeiters ein. Schädlich selbst stellt in einer Stellungnahme fest, dass sein »Zusammenwirken mit dem Ministerium für Staatssicherheit in den achtziger Jahren ein wesentlicher Fehler war, dessen Tragweite« er damals nicht erkannt habe, »den ich aber stark bereue«. Er könne den Fehler »leider nicht ungeschehen machen«, be­mühe sich aber »seit nunmehr über 30 Jahren, durch berufliches und ehrenamtliches Engagement den Nachweis zu erbringen, dass ich aus meinem damaligen fehlerhaften Verhalten die richtigen Schlussfolgerungen gezogen habe«.

Obwohl Schädlichs Tätigkeit für das MfS schon seit Jahren bekannt war – wenn auch nicht in den jetzt festgestellten Ausmaßen –, gab es bisher keine größere öffentliche Diskussion. Erst die Drohung des parteilosen Oberbürgermeisters von Halle, Bernd Wiegand, das Sponsoring des klammen Vereins durch städtische Gesellschaften einzustellen, setzte Schädlich derart unter Druck, dass er nach 16 Jahren sein Amt als Präsident des Traditionsvereins zur Verfügung stellte. Wiegand hatte erklärt, dass »die öffentliche Hand nicht mit einem Verein zusammenarbeiten und ihn finanziell fördern« könne, wenn »an dessen Spitze eine Person steht, die für die Staatssicherheit tätig war«. Schädlichs Stasi-Vergangenheit sei »seit Jahren kein Geheimnis«, entgegnete dagegen der Präsident des sachsen-anhaltinischen Landes­sport­bundes, Andreas Silbersack, und stellte fest, dass dies »die öffentliche Hand bisher nicht davon abgehalten« habe, mit dem HFC zusammenzu­arbeiten. Silbersack sieht »hier persönliche Ressentiments und Machtspielchen im Vordergrund« und nicht den Willen zur Aufarbeitung.

Ein Großteil der Fans steht wie der sprichwörtliche zwölfte Mann hinter Schädlich. Die »Hilfe und die Höhe der finanziellen Zuwendungen« sollten nicht davon abhängig sein, »ob den Sponsorenvertretern die Nase handelnder und gewählter Personen im Vorstand des Halleschen FC gefällt oder nicht«, schreibt das »Bündnis aktiver HFC-Mitglieder« in seiner Stellungnahme. Für die kommende Wahl des Präsidenten drohten sie bereits an: »Wir entscheiden, wer unseren Club repräsentiert.«

Am Fall Geyer erzürnte andere Ehrenspielführer besonders, dass er sich abfällig über Mitspieler äußerte und ­ihnen unter anderem »politische Schwächen« nachsagte.

Auch in der sächsischen Hauptstadt wollen Mitglieder und Fanvertreter der Sportgemeinschaft Dynamo die dunklen Seiten der Vereinsvergangenheit lieber im Dunklen lassen. Mehrere Ehrenspielführer des Vereins forderten, dass dem Club­idol Eduard Geyer wegen seiner langjährigen Spitzeltätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit das Amt als Ehrenspielführer entzogen werden sollte. Das stieß bei den aktiven Fans auf großen Widerstand. Um noch vor der Jahresmitgliederversammlung das umstrittene Thema abzuräumen, musste der Interimspräsident Holger Scholze Geyer in vielen Gesprächen zur Aufgabe des Amts überreden. »Es geht nicht um die Menschen, sondern immer um den Verein. Durch diese unleidliche Diskussion hat der Verein Schaden genommen«, erklärte der ehemalige Stürmer pflichtschuldig nach vollzogener Remission als Ehrenspielführer.

Der enorme Eifer, mit dem Geyer seine Mitspieler denunziert hatte, wurde erst im Herbst 2017 durch Dieter Riedel öffentlich gemacht.

Das seit Jahren schwelende Problem mit der Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist damit längst nicht vom Tisch. Als die Sportvereinigung ­Dynamo 1953 gegründet wurde, war Erich Mielke gleich ihr erster Vor­sitzender. Der damals zunächst noch stellvertretende Leiter des MfS wach­te über die Geschicke des Vereins und die Stasi gehörte neben dem Zoll und der Polizei zu den sogenannten Trägerorganen, die die Finanzierung gewährleisteten. In der Zeit zwischen 1978 und 1989 wurde jeder vierte Spieler als inoffizieller Mitarbeiter von der Stasi geführt, das er­gaben die Recherchen des Autoren Ingolf Pleil für das Buch »Mielke, Macht und Meisterschaft«. Dazu kamen weitere Zuträger im Funktionsteam. Kaum ein Verein in der DDR wies solch eine Dichte an inoffi­ziellen Mitarbeitern auf wie die SG Dynamo Dresden.

Die meisten Spieler wurden zu den Spitzeltätigkeiten erpresst. Kleinere private »Verfehlungen« wie außerehelicher Sex, zu enger Kontakt zur Verwandtschaft in der BRD oder heimliche Treffen mit Westdeutschen im befreundeten Ausland reichten aus, um in die Fänge der Staatssicherheit zu geraten. Dementsprechend fallen die Berichte aus. Viele Aussagen blieben allgemein, einige Spieler stellten sich dumm oder versuchten, niemanden persönlich zu belasten. Am Fall Geyer erzürnte andere Ehrenspielführer wie Klaus Sammer, Dieter Riedel oder Hans-Jürgen Kreische besonders, dass er sich abfällig über Mitspieler äußerte und ­ihnen unter anderem »politische Schwächen« nachsagte. IM »Jahn« galt für den DDR-Geheimdienst als zuverlässiger Informant, während ­einige andere Spieler abgeschaltet wurden, weil ihre Informationen ­keinen großen Wert hatten.

Eine ernsthafte Aufarbeitung der eigenen Geschichte ist dem Verein bis zum heutigen Tag nicht einmal ansatzweise in den Sinn gekommen. Nach der Wende »wurde der Mantel des Schweigens drübergelegt«, sagte Ingolf Pleil dem MDR. »Auf der Homepage des Vereins steht in der gesamten Historie nur einmal das Wort Stasi«, und das ausgerechnet »im Zusammenhang mit dem BFC Dynamo und dessen Bevorteilung«, so der Autor weiter.

Die Zeit soll alle Wunden heilen. Darin zumindest scheinen sich die Fußballbrüder und -schwestern in Ost und West einig zu sein. Denn auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) zeigt kein sonderlich großes Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte des DDR-Fußballs. Erst im Jahr 2011 kündigte der Verband an, sich diesem Thema widmen zu wollen. Drei Jahre später startete der DFB öffentlichkeitswirksam ein auf zwei Jahre angelegtes Forschungsprojekt, das vom Vorsitzenden der AG Wissenschaft, Martin-Peter Büch, in Zu­sammenarbeit mit einer Expertengruppe eng betreut werden sollte. Seitdem herrscht Funkstille. Die Ergebnisse des groß angekündigten Projekts liegen bislang öffentlich nicht vor.

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