Die Event-Serie »Das Boot« wirkt wie ein Werbeclip der Bundeswehr

Neue Kriegsbilder

Während der alte deutsche Kriegsfilm der fünfziger Jahre Propaganda für die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik war, ist die neue Sky-Serie »Das Boot« ein Werbeclip für die Armee der Ära Von der Leyen. Die Krise der Repräsentation deutscher Geschichte im Kino, die bei Wolfgang Petersens Film von 1981 noch virulent war, findet in der Event-Serie ihre banale Auflösung.
Essay Von

Kein Mensch hat je verstanden, was das wirklich ist: Krieg. Aber fast jeder Mensch hat Meinungen, Modelle, Erklärungen, Dispositionen, Diskurse, Bilder, Narrative vom Krieg und sogar Erfahrungen damit. Widersprüchliche, gewiss, und deswegen nur kinematographisch aufzulösen. Es gibt wohl vier Grundmuster: Der Krieg ist die Erfüllung, die einzige wahre Herausforderung, die Generierung von heroischer Männlichkeit (in der Postmoderne auch mittels weiblicher Körper zu bewerkstelligen), ein symbolischer Akt der Wiedergeburt, der »wahren Geburt« und das größte Kunstwerk von allen. (Ein offenes Bekenntnis zum heroisch-sadistischen Kriegsbild ist in einer demokratisch-liberalen Gesellschaft natürlich verpönt, es verbreitet sich gleichwohl sowohl im rechten Untergrund wie in der Unterhaltungsindustrie.) Der Krieg ist »notwendig«, er ist Teil der Menschheits- und Zivilisationsgeschichte, die letzte, aber manchmal unausweichliche Form der Konfliktlösung oder der Macht- beziehungsweise Systemfrage. (Der Krieg ist nicht per se gerechtfertigt, wohl aber durch Umstände und Bedingungen.) Der Krieg ist eine fatale Krankheit der Menschheit, ein schreckliches Überbleibsel, das von einer Zivilisationsstufe zur anderen mitgeschleppt und furchtbarerweise immer technischer und immer umfassender wird. Wie eine Krankheit schlägt er bei vorheriger Schwächung oder Erregung zu. (Krieg ist so schrecklich wie unvermeidbar, man wird versuchen, ihn hinauszuzögern oder einzuhegen.) Und schließlich: Der Krieg ist wie alles andere auch historisch und sozial bedingt und kann deswegen auch (früher oder später) so überwunden werden wie, sagen wir, der Kannibalismus oder die Hexenverbrennung. Möglicherweise kann der tiefe Impuls dann durch »Ersatzkriege« befriedigt werden, wie wir es aus gewissen Science-Fiction-Phantasien kennen. (Wenn Menschheit und Menschlichkeit überleben sollen, dann müssen sie zuförderst den Krieg abschaffen, um sich dann ernsthaft den ökologischen, kulturellen und ökonomischen Problemen zu widmen, die es ohne Zweifel zuhauf gibt.)

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Ob nun heroisch, vernünftig, fatalistisch oder kritisch, die Herstellung von Begriffen, Bildern und Erzählungen ist stets zugleich notwendig und prekär. Die fundamentale Ablehnung von Bildern des Krieges kann auch als Verdrängung angesehen werden, gleichwie die Erzeugung von Bildern des Krieges auch als Legitimierung, ja als Propaganda wirken kann. Die Haltung zu den Bildern des Krieges (in denen alle vier Modelle der »Haltung zum Krieg« selbst herumspuken) ist vermutlich einer der wichtigsten Indikatoren für den Zustand einer Gesellschaft. So wie man bei den Rottungen jugendlicher Nazis die Bemerkung hören kann: »Denen fehlt einfach ein Krieg«, führen Bilder vom Krieg in den Mainstream-Medien regelmäßig zu Auseinandersetzungen: Was darf man zeigen? Was muss man zeigen? Wie muss man es zeigen? Wer zeigt wem was? Die Beziehungen zwischen dem Krieg und der kinematographischen Erfahrung sind komplex und widersprüchlich. Eine Einteilung in Kriegsfilm und Anti-Kriegsfilm (oder Antikriegsfilm) ist daher allenfalls von der Seite der Intention her möglich. Glücklicher- wie unglücklicherweise ist kein Film auf das zu reduzieren, was mit ihm gemeint war.

Andere Frage: Wie heroisch, wie unterhaltsam, wie mythisch, wie »natürlich«, wie melodramatisch, wie »re­alistisch«, wie harmlos, wie didaktisch, wie ideologisch, wie dekonstruktiv, wie demokratisch soll, kann und muss das Bild des Krieges sein? Und eine zweite, nicht unerhebliche Frage ist, ob die Bilder des Krieges versöhnen oder entzweien, ob sie Teil einer anderen großen Erzählung werden (was uns anbelangt: Die Erzählung einer durch Schuld und Leid in einem großen Krieg entstandenen, demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft), oder auch Teil einer Gegenerzählung (die Bildung der demokratisch-kapitalistischen Gesellschaft als Verrat an den »Idealen« des Krieges). Auch was dies anbelangt, sind die Kriegsbilder unserer Gesellschaft auch in der Mitte der akzeptierten Kultur ambivalenter, als es uns scheinen mag. So waren Nazis in westdeutschen Kriegsfilmen der fünfziger und sechziger Jahre nicht so sehr Kriegführende als vielmehr Kriegsgewinnler, die folgerichtig in aller Regel (und schließlich nicht ganz unre­alistisch gezeichnet) nach Niederlage und Befreiung ihre Karrieren fortsetzten, aber sie waren damals schon feige, weich, entmännlicht. Sie hatten das Volk nicht durch einen Krieg, sondern in einem Krieg verraten. In diesem Genre also wurde der Krieg gleichsam entnazifiziert, was eine kollektive Erinnerung und ein Bild für die Nachgeborenen erlaubte, die ein Zusammenleben ermöglichten. Diese Film-Bilder der Lüge zu überführen, war fast zu leicht.

Der deutsche Kriegsfilm und die entsprechende Fernsehproduktion war Teil einer indirekt konstruierten Kontinuität und zweifellos in weiten Teilen als Propaganda für das Projekt der Wiederbewaffnung zu sehen.

Der deutsche Kriegsfilm und die entsprechende Fernsehproduktion (das heroische Fluchtdrama »So weit die Füße tragen« musste damals jeder gesehen haben) war Teil einer indirekt konstruierten Kontinuität und zweifellos in weiten Teilen als Propaganda für das Projekt der Wiederbewaffnung zu sehen. Und immer wieder gab es Versuche, sich gegen dieses Mainstream-Bild abzusetzen oder es wenigstens von der Peripherie her zu attackieren.

Die vertikale Veränderung kam in den siebziger Jahren mit einer Veränderung des Kinomarktes und der Entwicklung der Spaltung in kommerzielles Krisenkino und den Neuen Deutschen Film in den siebziger Jahren. Der Krieg wurde farbig, und er wurde, in den europäischen Koproduktionen für den Exploitation-Markt, »schmutzig«. Das heißt (und natürlich hatte das auch Gründe in der technisch-ökonomischen Ausstattung). Der Kriegsfilm handelte am liebsten von »versprengten Truppen«, waghalsigen Einzelaktionen, und von persönlichen eher als ideologischen Motiven (bis hin zum Krieg als Hintergrund für schlichte Raubzüge und Bereicherungen, bis hin zum populären Subgenre des Krieges, der von verurteilten Verbrechern oder Verrückten geführt wird wie in Robert Aldrichs »Dirty Dozen«, bis hin zur zweiten Rekonstruktion des Kriegshelden als skrupelloser Söldner). Und während der Krieg in diesem Subgenre zerfiel, versuchte sich Hollywood zugleich an einer Renaissance des großen Kriegspanoramas (Rückbesinnung auf eine Gründungslegende bis hin zu Steven Spielbergs »Saving Private Ryan« oder Clint East­woods »Flags of Our Fathers/Letters from Iwo Jima«, die beide ganz explizit an Familien- und Gründungslegenden anschlossen). Bilder des Krieges sagen meistens nicht so viel über den historischen Krieg, den sie als Bühne wählen, sondern mehr über die Gesellschaft und die Zeit, die sie hervorbringen.