20 Jahre »Sex and the City«

Erkenntnis durch Sex

Die zum Jubiläum von »Sex and the City« erschienenen Besprechungen der Serie lassen kaum ein gutes Haar an ihr. Eine Verteidigung.

Miranda Hobbes ist wütend. In einer kleinen Rede verschafft sie ihrem Ärger Luft, steht während eines Lunch mit ihren drei besten Freundinnen auf, zieht sich demonstrativ ihre Mütze auf den Kopf, im Begriff, das Lokal zu verlassen, und sagt: »Wie kann es sein, dass vier kluge Frauen über nichts anderes reden als über ihre Männer? Was ist mit uns? Was wir denken, wir fühlen, was wir wissen … Mein Gott! Muss es sich immer nur um sie drehen? Ruft mich an, wenn ihr bereit seid, zur Abwechslung auch mal über etwas anderes als Männer zu reden.«

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Zweite Staffel, erste Folge: 19 Jahre ist es her, dass die Schauspielerin Cynthia Nixon, die Miranda verkörperte, diese Sätze im US-amerikanischen Pay-TV sagte. Ein Jahr zuvor, im Sommer 1998, strahlte HBO die erste Staffel der Serie aus: »Sex and the City« feiert 20. Geburtstag. Carrie, die neurotische Kolumnistin (Sarah Jessica Parker), Charlotte, die romantische Galeristin (Kristin Davis), Miranda, die zynische Anwältin, und Samantha, die selbstbewusste PR-Beraterin (Kim Cattrall), sind beste Freundinnen, New York ist die Stadt, in der sie leben. Alle vier sind die meiste Zeit Single, alle vier haben sie mal mehr, mal weniger Sex und erzählen sich davon. 2004 lief die letzte Folge, zwei Kinofilme folgten.

Die Verbohrtheit mancher Zuschauer lässt sie tatsächlich nicht sehen, was Carrie laut Emily Nussbaum war: der erste weibliche (und rauchende!) Antiheld des Fernsehens.

Vier Frauen, die so offen wie möglich einmal die Woche im Fernsehen über Sex reden – was kann daran schlecht sein? Einiges, wie es scheint. Die zum Jubiläum erschienenen Besprechungen der Serie lassen kaum ein gutes Haar an ihr, der eingangs zitierte Monolog von Miranda scheint völlig vergessen. Die Spex brachte einen Text, dessen Überschrift ein Exzess aus Schlagwörtern ist: »Zu dünn, zu weiß, zu heterosexuell« lautet sie und verrät kurz und knackig, wie man die Show heute rezipiert. Das Internetmagazin Bento legte kräftig nach unter dem Titel: »So rückständig war ›Sex and the City‹«. Vor 20 Jahren, ja, da sei die Serie fortschrittlich gewesen, geradezu ein Meilenstein, so der ewige Tenor. Doch heute blieben davon, wenn überhaupt, nur die angeblich rassistischen, transphoben und nur so vor Privilegien strotzenden Aussagen und Handlungen der Hauptfiguren. Der bei Twitter und Instagram genutzte Hashtag #WokeCharlotte sollte dies offenlegen: in aus Screenshots zusammenmontierten Memes werden angeblich problematische Aussagen der Figuren mit einer antwortenden Charlotte York, ironischerweise der konservativsten Figur der Serie, kombiniert, die eine politisch korrekte Antwort gibt, die sich im hinzugefügten Untertitel lesen lässt. Viele der angeprangerten Aussagen werden in der Serie allerdings selbst schon problematisiert, zum Beispiel, wenn Carrie ironisch anmerkt, Bisexualität gebe es eigentlich gar nicht, woraufhin Samantha erwidert, sie sei »try-sexual« und würde alles ausprobieren. So funktioniert »Sex and the City«. Die Serie ist das, worüber immer so gern und so viel geredet wird: Diskurs. Vier höchst unterschiedliche Frauen diskutieren, handeln aus, streiten sich, sagen manchmal Quatsch, damit eine andere widerspricht. Es wird nicht die eine Wahrheit verkündet, sondern durch das Reden über Sex wächst Erkenntnis. Es ist kein Zufall, dass Carries Kolumnen, die als Voice-over die Serie bestimmen, häufig den Satz »I couldn’t help but wonder« enthalten: Sie wundert sich, sie fragt sich, sie sucht nach Antworten. Manchmal nach einer banalen und manchmal nach einer, nach der wohl schon jeder Mensch einmal gesucht hat.

Die Autorin Candace Bushnell, auf deren Kolumnen die Serie basiert, wurde des Öfteren sehr passend als eine Sexualanthropologin bezeichnet. It is not just sex: Sex erscheint nicht als etwas mysteriöses oder verstecktes, wird weder glorifiziert noch verteufelt. Nicht in einem psychoanalytischen, aber in einem durchaus analytischen Sinne fragen sich die Figuren mit Bezug auf ihre Persönlichkeit und mit Rückgriff auf gesellschaftliche Fragen, wieso sie sind, wie sie sind, und warum sie tun, was sie eben tun. Dass die Subjektivität von Frauen hier so stark zur Sprache kommt, gilt den Kritikern der Serie aber nicht als Beweis für ihren feministischen Charakter. Das Gegenteil ist der Fall: Dass Carrie gerne Schuhe kauft, sei konsumistisch und klischeehaft weiblich, dass Charlotte gerne heiraten möchte, reaktionär, und auch der eigentlich aus einer anderen politischen Richtung kommende Vorwurf der Zurschaustellung von »Karrierefrauen« gilt als feministisches Argument gegen die Serie. Mirandas schon zitierte feministische Wutrede, dass immer nur Männer Thema sind, kollidiert in der Serie mit ihrer eigenen Situation, als sie nach der Szene auf der Straße ihren Exfreund sieht, um den sie immer noch trauert, und sich nach ihrem Ausbruch nicht traut, mit den anderen über ihn zu sprechen. Der Widerspruch, der daraus entsteht, ist enorm: Ist es unfeministisch, mit Freundinnen über Liebeskummer anstatt über Intellektuelles zu sprechen?

Was ist eigentlich Feminismus? Ist unterschiedslos alles, was Frauen tun, feministisch? Ist etwas feministisch, wenn es mit den Worten »Das ist feministisch« eingeleitet wird? Nein. Feministisches Denken ist doch viel mehr eines, das Natur, Geschlecht und Gesellschaft nicht als voneinander unabhängige oder einfach gegebene Konstanten, sondern miteinander vermittelt denkt und erst daraufhin in die Möglichkeit versetzt ist, eben diese scheinbare Konstanz zu kritisieren. So geht es in »Sex and the City« viel um das Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, in einer Zeit, in der es stärker als heute zu spüren war, gleichzeitig aber immer schwächer wurde, auch durch Hilfe der Show.

Kluge feministische Gedanken zu »Sex and the City« sind beispielsweise folgende: Die Autorin Emily Nussbaum schrieb anlässlich des 15jährigen Jubiläums der Show im New Yorker über die veränderte Rezeption der Serie. Die früheren Fans hätten sich »antrainiert, die Serie zu einem guilty pleasure herunterzustufen«, eine, wie sie sagt, selbstzüchtigende Angelegenheit. Weiter eingehend auf den feministischen Charakter der Serie gibt sie eine diskursive Antwort, welche die vier Figuren verkompliziert und ihnen ihre scheinbare Eindimensionalität nimmt, indem sie sie anhand dreier Unterscheidungen einordnet: »Die erste ist die emotionale: Carrie und Charlotte waren Romantikerinnen; Miranda und Samantha Zynikerinnen. Die zweite war ideologisch: Miranda und Carrie waren Feministinnen der zweiten Welle, die an Gleichheit glaubten; Charlotte und Samantha waren Feministinnen der dritten Welle, die darauf abzielten, die Macht der Weiblichkeit auszunutzen, allerdings aus unterschiedlichen Richtungen. Bei der dritten geht es um Sex selber: Zu Beginn waren Miranda und Charlotte prüde, während Samantha und Carrie libertär waren.« Eine romantische, an die Gleichheit der Geschlechter glaubende Anhängerin der Libertinage? Exakt, das ist Carrie Bradshaw. Doch weil sie gerne teure Kleidung kauft, soll sie angeblich antifeministisch sein? Die Verbohrtheit mancher Zuschauer lässt sie tatsächlich all das nicht sehen, genauso wenig, wie sie sehen können, was Carrie laut Emily Nussbaum noch war: der erste weibliche (und rauchende!) Antiheld des Fernsehens.

Und noch mehr scheint den Furiosen vor dem Fernseher zu entgehen: Ziemlich oft, wenn das Gespräch auf die Serie kommt, erscheinen ihre Themen als Luxusthemen, unwichtig, obszön, vernachlässigungswürdig. Als wären Liebe und Sex und all die schönen wie auch schmerzhaften Konsequenzen daraus etwas, das man aus seinem Leben einfach herausschneiden könnte, das einen nichts angeht, und nicht genau das, was Leben erst ausmacht. Genau dieses Vorurteil gegen das Sentiment, gegen die Gefühle und gegen die Lust lässt einen blind werden für die ganzen kleinen Dinge, die in »Sex and the City« passieren und die geradezu radikal sind: Carrie muss sich übergeben, als sie herausfindet, dass ihr Freund Aiden ihr einen Heiratsantrag machen will.

Samantha bekommt einen Job nicht, weil sie als Frau als zu instabil gilt, und wehrt sich höchst eloquent gegen diesen Sexismus. Miranda kauft sich eine eigene Wohnung, von ihrem eigenen Geld, ohne Ehemann, ohne Hilfe von den Eltern, und wird dafür von fast allen Seiten schief angeschaut. Außer Charlotte hat jede der vier schon einmal abgetrieben oder es zumindest in Betracht gezogen; die überaus offene Thematisierung von Schwangerschaftsabbrüchen in der entsprechenden Folge kann man nicht genug loben, wenn man weiß, wie tabuisiert Abtreibungen in den USA auch heute noch sind. Überhaupt ist das Kinderkriegen ein riesiges Thema. Während man Charlotte dabei zuschaut, wie sie es immer wieder versucht, bekommt man eine Ahnung davon, wie stark der Druck auf Frauen lastet, Nachwuchs zu bekommen. Währenddessen haben Carrie und Miranda noch nie in ihrem Leben ihre Küchen zum Kochen benutzt. Weitere Meilensteine: die Nacktheit der Protagonistinnen plus sehr explizite Sexszenen, das sehr ernsthafte Thematisieren des Älterwerdens und die wunderschönen Aufnahmen von Manhattan, der (nicht so heimlichen) Fünften im Bunde.

Es klingt wie ein Schutzargument, wie eine Adelung des eigentlich banalen kulturellen Produkts, aber es ist nicht so gemeint: In »Sex and the City« geht es neben den Bäh-Themen Sex und Liebe auch und vor allem um Freundschaft. Jedes Mal, wenn einer das Alleinsein droht, weil kein Mann in Sicht ist, mit dem sie ihr Leben teilen könnte, springen ihr die drei anderen zur Seite. Die Soziologin Eva Illouz bemerkte einmal, es sei ein Problem, dass beispielsweise in Hollywood-Filmen meist nur Liebe zum Thema gemacht werde, Freundschaft hingegen fast nie. »Sex and the City« zeigte beides, und zwar nicht als Antagonismus, sondern als Bedingung füreinander. Das schönste Leben mit der größten Liebe ist diesen Frauen nicht genug, wenn da nicht auch ihre Freundinnen sind.