Im Dokumentarfilm »Taste of Cement« wird Freiheit zur Farce

Kunst auf dem Bau

Nach langer Festivalreise kommt der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm »Taste of Cement« über syrische Gastarbeiter, die als Bauarbeiter im Libanon arbeiten, in die Kinos. Die faszinierende Bildsprache des Films wandelt zwischen Statik und Bewegung.

Um seine aus Drahtgittern gebogenen Tiermodelle in sehenswerte Plastiken zu verwandeln, erfand der US-amerikanische Präparator Carl Akeley 1911 den Spritzbeton. Der Beton fließt aus einem Schlauch über das Gitter und härtet aus. Etwas Bewegliches wird statisch.

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Einige Jahre später baute Akeley die erste schwenkbare Kamera, mit der er Vogelflüge aufnahm, um die Bewegungen der Tiere zu studieren. Damit erfand der Forscher den Kamera­schwenk als filmisches Mittel. Durch einen Kameraschwenk wird einem festen Ort ein zeitlicher Ablauf, etwas Sequentielles hinzugefügt. Etwas Statisches wird beweglich.

Eine Bewegung der besonderen Art ist der Kameraflug. Er ging aus mili­tärischer Aufklärungsarbeit hervor und stellt Allgegenwärtigkeit her oder setzt, ähnlich einer Kamerafahrt, zwei weit voneinander entfernte Orte dank kontinuierlicher Bewegung in Bezug zueinander: Vor der Stadt Beirut klaffen Steinbrüche in der Landschaft. Unter den Salven eines Schlagbohrers wird Gestein zum Kalkbrennen abgetragen. Hier beginnt Ziad Kalthoums Dokumentarfilm »Taste of Cement«. Von hier aus fliegt die filmende Drohne über die kriegsversehrten Ränder Beiruts in Richtung Meer. Zement und Meer, Rohstoffe und Handelswege machten Beiruts Aufschwung möglich.

Eng gedrängt stehen Maurer im Fahrstuhl, die Kamera filmt durch ein Loch die vorbeiziehenden Etagen: 24 Bilder pro Sekunde, 10 Stockwerke pro Minute ziehen wie Schmalfilm vorüber.

Nach dem Ende eines 15jährigen Bürgerkriegs verhalf ein Bauboom ab Anfang der Neunziger der Hafenstadt am Mittelmeer zu neuen Handelsbeziehungen und Großbauprojekten, sie wurde eine wachsende, pulsierende Metropole. Der Libanon – zu der Zeit von Syrien besetzt – wollte wieder anknüpfen an seinen Ruf als Schweiz des Nahen Ostens. 1992 kehrte der millionenschwere Bauunternehmer Rafiq al-Hariri aus dem Exil ins Land zurück, ließ sich mit seiner antisyrischen Zukunftsbewegung zur Wahl aufstellen und gewann als Sunnit das Amt des Ministerpräsidenten. Danach gingen unzählige Ausschreibungen und Bauaufträge an seine Firma Saudi Oger.

2005 kam Rafiq al-Hariri bei einem Anschlag ums Leben. Syrien zog aus dem Libanon ab. 2009 kandidierte sein Sohn Saad Hariri und wurde ebenfalls Ministerpräsident. Als Sunnit stand er mit seiner Bewegung den syrischen Rebellen im aufflammenden syrischen Bürgerkrieg nahe, die sich gegen Bashar al-Assad auflehnten. Es kam zu Unruhen im Libanon, aus denen die Hizbollah und die Schiiten gestärkt hervorgingen. Unterstützt vom Iran zog die Hiz­bollah zum Kampf an der Seite Assads nach Syrien. 2014 fiel der »Islamische Staat« auch im Libanon ein.

Weil er auf eine stabile Regierung hoffte, paktierte Saad Hariri 2016 mit dem christlichen Staatspräsidenten Michel Aoun, der von der Hiz­bollah gestützt wurde. Die Baufirma Saudi Oger ging unter Führung des Sohnes pleite. Die Hizbollah gewann die jüngsten Wahlen. Mittlerweile befinden sich über eine Million geflüchtete Syrer im Libanon. Ihre ­Arbeit wird mit nur einem Viertel des üblichen Lohns bezahlt. »Taste of Cement« dokumentiert das ­Leben und die Arbeit einiger syrischer Männer auf einer libanesischen Großbaustelle.

»Als der Bürgerkrieg vorbei war, arbeitete mein Vater als Bauarbeiter im Libanon. Immer wenn er zu Besuch kam, musterte ich stundenlang seine Hände, prägte mir jede Linie ein – Straße für Straße, Riss für Riss. Die Fläche seiner Hand war der Stadtplan Beiruts.« Lebensgeschichten zweier Generationen syrischer Gastarbeiter – Väter und Söhne – verwebt Ziad Kalthoum zur Biographie eines Ich-Erzählers, zu dessen Erlebnissen und Erinnerungen an Vater, Krieg und Arbeit. Die essayistische Erzählung wird begleitet von Bildern, die der Kameramann Talal Khoury aufgenommen hat.