Die Politisierung der Stimme auf dem neuen Album von U.S. Girls

A voice, unlimited

Die Sängerin Meghan Remy, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen U. S. Girls, erforscht auf ihrem neuen Album die theoretischen und politischen Implikationen der Stimme.

Das Tonstudio ist eigentlich ein Ort, den Meghan Remy alias U.S. Girls meidet. Die Produktion ihres vorletzten Albums »Half Free« (2015) kam ohne eins aus. Einem Journalisten des Guardian verriet sie einmal, dass die Arbeit im Studio sie lähme, sie wisse einfach nichts damit anzufangen. Ihr Schlafzimmer findet sie ­geeigneter: Horten die einen dort Kuscheltiere, tummeln sich in Meg Remys Schlafgemach analoge Musikgeräte sowie Klangkörper vielfältigster Art. Hier, fernab von Feedback und Ideeninput anderer, die sie, wie sie sagt, beim Herumprobieren nicht gebrauchen könne, entstanden im Wesentlichen alle ihre Platten. Bisher.

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Ihr neues Album »In a Poem Un­limited« unterlag einem anderen Produktionsprozess. Schon das achtköpfige Musikerkollektiv The Cosmic Range aus Toronto bekäme man schwerlich in einem Schlafzimmer unter. Genau diese Supergroup des Free Jazz und funkgeschulten Krautrock hat sich Remy für ihre aktuelle Platte herangeholt. Die kommt mit backing vocals und Big-Band-Einschlag überraschend pompös daher. Substanz und Eigensinn gehen aber nicht verschütt. Im Gegenteil: Es ist die konsequente Erweiterung des musikalischen Universums von U.S. Girls, das manche Kritiker in Anlehnung an ihren Namen gar als remyesque bezeichnen. Der Beginn ihrer Karriere lässt sich auf das Jahr 2007 datieren, als Remy ihr Studium an der Kunstuni in Portland aufnahm. Zwar wirkte die Musikerin seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr schon in ­etlichen Punkbands mit, doch erst unter dem Namen U.S. Girls widmete sie sich dem solistischen Musikerdasein. Auf der Bühne hieß das anfangs schlichte sieben Minuten, in denen sie für befreundete Hauptacts das Präludium gab.

 

Meg Remy ist als U.S. Girls im gewissen Sinne eine Spionin: weil sie den Plural ihres Projektnamens  einnimmt und in diverse Rollen schlüpft.

 

Der Sound ihrer ersten Platten ließe sich wohl als ein Unwetter bezeichnen, das Remy mittels Drum Machine, Kassettenrekorder, Sampler und Effektgeräten heraufbeschwört: Field Recordings, Found Footage, Klangfetzen, Vokale oder einzelne Worte im Loop treffen als kompakte Audiomasse krachend aufeinander. Hier lösen Drone, Gospel, Punk und Lo-fi gemeinsam ein Gruppenticket für die Geisterbahn, während Remys Stimme im übersteuerten hall & reverb knallt und scheppert und zugleich weit weg zu sein scheint. Rückblickend beschreibt die Musikerin im Guardian diese Produktion sowie ihre Konzerte als eine Art Aufwärmprogramm: »Ich war nicht wirklich schüchtern, ich stand ja auf der Bühne, aber ich war nicht bereit dazu, heftig (fierce) zu sein.« Präsenz und Behauptungswille, sich als Frau Gehör zu verschaffen, standen zunächst im Vordergrund. Waren die akustischen Attacken der ersten Platten so etwas wie die Trägersubstanz, auf der sich Remy das Zutrauen in die eigene Stimmer aufbauen konnte, ist sie jetzt bereit für das, was im Englischen »fierce« heißt: Für das Auf­gebrachtsein und für Heftigkeit. Das heißt nicht, dass es unbedingt (noch) lauter, der Sound gar martialischer wird. Nein, Remys Aufruhr schlägt sich im Songwriting, den Videoarbeiten sowie in der Art, wie sie ihre Stimme einsetzt, nieder.

Mit dem neuen Album »In a Poem Unlimited« blickt U.S. Girls geradewegs in den Abgrund, den der Politik wie der Gesellschaft, ohne dabei zu verzweifeln. Man möge sich ein Funkeln in den Augen der Künstlerin vorstellen, das den inneren Furor wie auch die Lichtreflexe einer rotierenden Diskokugel vereint. Themen wie Obamas Drohnenkrieg, Überwachung, Gewalt an sowie sexuelle Übergriffigkeit gegen Frauen oder Umweltverschmutzung erklingen zwar im schillernden Gewand aus Soul, Motown, Disco und Funk, doch: Das hier ist Pop, bei dem Glitzer und Splitter sich gegenseitig supporten.

Und das wird schon im Opener »Velvet 4 Sale« zelebriert. Vordergründig ist alles beisammen, was zu einem zünftigen Popsong gehört: Strophe, Refrain, Bridge. Allerdings bildet das melodisch-anmutige Gerüst aus Wah-Wah-Gitarren, schlendernder Bassline, Bläsern und Synthiestreichern zugleich die musikalische Basis eines Appells, der sich an Frauen richtet, die Opfer häuslicher Gewalt sind. Remy installiert im Text eine Figur, eine Art Empowerment-Coach für Selbstverteidigung, der die Betroffenen direkt anspricht. Ihr Aufruf, sich Handlungsmacht zurückzuholen, statt sich für zugefügtes Leid auch noch selbst zu hassen, mündet in eine sehr klare (Kampf-)An­sage: »The recoil is the celebration, the blood like oilspilling on the floor / This’ll surely feel against your nature but girl, you gotta move on / Guarantee at least one bullet goes behind the eyes / because they always could come back for more.«

Auch geht Remy hier äußerst geschickt mit ihrem Gesang um. Zu Beginn des Songs ist da nur ihr Atmen, das, noch bevor der erste Takt geschlagen ist, sich aufs Schlagzeug legt und selbst zum Rhythmus wird. Den Modus der Aspiration behält Remy auch beim Performen der Lyrics bei, wobei ihre Stimme mittels Vocoder und Reverb stark komprimiert wird, so dass gerade zu Beginn des Songs der Text schwer zu verstehen ist. Dieser Kunstgriff der Verfremdung denkt nicht nur die Erzählperspektive mit, sondern reflektiert auch die Anlaufzeit und den Kraftakt, die Betroffene aufbringen und durchstehen müssen: Nicht selten bleiben deren Stimmen ungehört, oft fällt es den Opfern nicht leicht, über das Erlebte zu sprechen.

In »Mad as Hell« begegnen wir einem enttäuschten Obama-Wähler, der in die Fallstricke übergroßer Post-Bush-Hoffnung geraten ist. Angesichts leerer Versprechungen und des forcierten Drohnenkriegs der Obama-Regierung hat der durch Erfahrung Geläuterte nur noch eine Botschaft für den Ex-Präsidenten übrig: »I won’t forget so why should I for­give? No not as long as we both shall live. These vital lies: just don’t come in my size.«

Postierte sich U.S. Girls 2015 im Musikvideo zum Antikriegssong »Damn that Valley« noch vor dem Weißen Haus, das von ihr unter anderem mit Backpfeifen bedacht wird, befindet sich die Sängerin im Video zu »M.A.H.« im Oval Office, direkt neben dem Schreibtisch, an dem Obama wöchentlich die sogenannte »Kill List« signierte. Als First Lady vollführt sie zu launigem Discosound und vor dem Hintergrund einer ­Bildercollage, die sich aus dem unrühmlichen Lauf der US-amerika­nischen Geschichte bedient, eine Choreografie, deren Höhepunkt im Stinkefinger mündet. Und da das Geschichtslexikon dieser Weltmacht unzählige Lemmata in den Rubriken Ungerechtigkeit, Repression und Hybris vorzuweisen hat, ist es mehr als naheliegend, dass sich U.S. Girls im Clip multipliziert, denn es braucht einfach mehr Mittelfinger, Protest, Widerstand und direkte Aktion. Dass Zeilen wie »We can never know the hands we’re in, until we feel them grip, choking off our air supply but I don’t cry« einem nicht als bloße Plattitüde aufstoßen und das gesellschaftspolitische Sendungsbewusstsein der Künstlerin nicht zur leeren Geste verkommt, verdankt sich jenem smarten Umgang mit ­Inhalt und Form.

Zu den neun Songs auf dem Album gesellen sich auch zwei kurze Field Recordings. Das erste stammt aus dem Jahr 2016, auf dem U.S. Girls mit merklich angeschlagen-brüchiger Stimme die Frage »Why do I loose my voice when I have something to say?« dreimal wiederholt. So kurz die Sentenz auch ist, im Gefüge des Albums, das Referenzen auf Literatur zeigt (für den Albumtitel stand Shakespeares »Hamlet« Pate) wie auch aufs Kino (der Track »Rosebud« zwinkert gen Orson Welles »Citizen Kane«), manövriert sie einen direkt auf Exkurse. In der Tat, die Stimme besitzt etwas auf Bedeutung Zielendes, doch trägt sie zu dieser selbst nichts bei. Als ein verschwindender Vermittler ermöglicht sie zwar die Äußerung, doch löst sich die Stimme bei der Bedeutungsproduktion in Luft auf. Sie ist schwer zu fixieren, da sie überformt wird durch das, was sie sagt. Ebenso ist an die Stimme im Sinne politischer Mitsprache (vote) zu denken, wobei bekanntlich nicht jedem dieses Recht zugestanden wird.

Im zweiten audio piece »Traviata«, dem vorletzten Track der Platte und im Jahr 2017 aufgenommen, hören wir U.S. Girls mit einem Taxifahrer sprechen, der ihr scherzhaft unterstellt, eine Spionin zu sein, woraufhin sie verneint und sich als Sängerin zu erkennen gibt. Doch der Taxifahrer hat nicht ganz unrecht. Meg Remy ist als U.S. Girls im gewissen Sinne eine Spionin: weil sie den Plural ihres Projektnamens in die Praxis umsetzt, sie wechselnde Perspektiven einnimmt, in diverse Rollen schlüpft – im Songwriting wie auch in ihren Videos – und sie Geschichten anderer belauscht. In Anbetracht des ersten Field Recording und eingedenk des Entwicklungsprozesses der Künstlerin kann die Selbstzuschreibung »Sängerin« als selbstbewusste Geste verstanden werden: Ich habe eine Stimme und ich habe etwas zu sagen. Bleibt nur noch: »So what are we gonna do to change?«

 

U.S. Girls: In a Poem Unlimited (4 AD)