Die olympischen Sommerspiele 2024? Für Hamburg!

Raus aus den Ohrensesseln!

Hamburg braucht die olympischen Spiele viel dringender als Berlin.

Was haben die Berliner nicht alles versucht, sich die Leute vom Hals zu halten. Die legendäre Unfreundlichkeit in der Stadt ist da nur die offensichtlichste Abwehrmaßnahme. Seit Jahren leistet sich die Stadt zur Abschreckung eine grotesk unfähige politische Führung, fährt ein Projekt nach dem anderen vor die Wand, lässt sich aus blankem Selbstquälungswillen von ausgerechnet den Bayern aushalten und hat sich sogar die Bundesregierung hergeholt, in der vagen Hoffnung, die allgemeine Politikerverachtung könnte ein wenig auf die Stadt abfärben – alles vergebens. Berlin ist angesagt und wird immer angesagter, ganze Heerscharen junger Menschen im ganzen Land geben als Lebensziel längst nicht mehr an, Lokomotivführer, Chefarzt oder Hartz-IV-Bezieher werden zu wollen, sondern alle haben nur noch ein berufliche Vision vor Augen: Wenn ich groß bin, will ich Berliner werden. Hinzu kommen Abertausende junger Menschen aus der ganzen Welt, die hier den place to be sehen. »Dabei sein ist alles« – der olympische Gedanke ist in der Stadt schon dermaßen unbestrittene Maxime, dass es geradezu absurd wäre, jetzt nochmals Tausende von jungen Menschen hierher zu schaffen, die auch nur wieder genau dasselbe wollen. Wissen Sie, wie mühsam es ist, aus all diesen leistungsbereiten, hochmotivierten, gut aussehenden, sich selbst optimierenden und gesund ernährenden Menschen halbwegs integrierte, also schluffige, beleidigt herumquakende, übellaunige, Currywürste oder veganen Pamp in sich hineinpressende Berliner zu machen?

In Hamburg dagegen ist seit der großen Sturmflut von 1962 überhaupt nichts mehr passiert. Der vitalste und frischeste Bewohner dieser stadtgewordenen Agonie ist bezeichnenderweise noch heute Helmut Schmidt. Der Hamburger Widerstandsgeist erschöpft sich darin, für den Eigenbedarf Mentholzigaretten bis ans Lebensende im Keller einzubunkern. Die alternative Szene und Subkultur hat eine einzige, feste Postadresse, aber selbst das war der Stadt zu viel an Anarchie und führte letztlich dazu, ganze Stadtviertel im weiteren Umkreis zur Gefahrenzone zu erklären. Deswegen ziehen die Hamburger sich lieber in ihre behaglich mit St.-Pauli-Trikots und Astra-Plakaten ausgekleideten sportplatzgroßen Privatvillen zurück, kuscheln sich in ihren Ohrensesseln in die aktuelle Ausgabe der Zeit ein und lesen sich zum Einschlafen mit spitzem »S« Josef-Joffe-Texte vor, was dermaßen paralysierend wirkt, dass sie erst Tage später wieder erwachen. Was aber überhaupt kein Problem ist, denn zu verpassen gibt es in ihrer Stadt ja ohnehin nichts.
Wenn der Hamburger sich überhaupt mal vor die Tür begibt, dann nur, um am Hauptbahnhof ein wenig klassische Musik zu hören oder gegen den Bau von Flüchtlingsheimen zu klagen, nachdem er sich zuvor mit den zuständigen Richtern eine Nase Koks gegönnt hat. Natürlich nicht, um einen Rausch zu erleben, dazu ist der Hamburger gar nicht fähig, sondern ausschließlich, weil das Zeug so schön teuer ist und er es sich halt leisten kann.

Die Olympischen Spiele sind die einzige Chance, die der Stadt bleibt, um sich aus ihrer Verkarstung noch zu befreien. Eine Frischzellenkur von Zehntausenden jungen Sportlern – viele von denen haben sogar noch Sex! – und Hunderttausenden Besuchern könnte ihr neues Leben einhauchen. Endlich kämen mal andere Menschen in die Stadt als immer nur Musical-Besucher und Ballermann-Reeperbahn-Touristen. Die Hamburger Schule könnte sich von der Naturlyrik ab- und zur Ästhetik der Leibesübungen hinwenden. Es gäbe mit all den Medaillen mal ein anderes Gesprächsthema in der Stadt, als immer nur darüber zu schnacken, wer gerade das Treppchen beim Spiegel erklimmt. Überhaupt, bei so einer Olympiade fallen täglich Neuigkeiten an, nicht nur einmal in der Woche. Ein völlig neuer Takt für das behäbige Hamburg! Und selbst für die verpfuschte Stadtplanung – Hafencity, Elbphilharmonie, Airbus-Teststrecke etc. – gäbe es Hoffnung: Man denke nur an die Impulse, die die olympischen Spiele 1936 Berlin gegeben haben. Zehn Jahre danach war die Stadt von Grund auf erneuert, da blieb kein Stein auf dem anderen, inklusive eines kompletten Regimewechsels!
Und schließlich: Letztlich ist Hamburg ja ohnehin nur ein Vorort von Berlin. So wichtig ist diese Olympiade ja nun auch wieder nicht, als dass sie gleich die ganze Stadt in Beschlag nehmen muss. Da reicht es doch völlig, wenn wir sie auf Hamburg beschränken. Damit die einstmals so stolze Hansestadt endlich wieder ein wenig aus dem Schatten ihrer großen Schwester heraustreten kann.
PS: Noch besser wäre es natürlich, die olympischen Spiele nach Dresden zu geben, am besten gleich im Komplettaustausch mit der maroden Bevölkerung dort. Aber leider weigern sich selbst die ja nun wirklich nicht zimperlichen IOC-Mitglieder, mit der sächsischen Regierung zusammenzuarbeiten, aus Furcht davor, als Ausländer mit der dortigen Justiz zu tun zu bekommen.
PPS: Bitte beachten Sie, dass dieser Text zu 100 Prozent frei von BER-Scherzen ist!

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