Die bedrohten Sümpfe im brasilianischen Pantanal

Der schönste Sumpf der Welt hat Probleme

Das größte Feuchtgebiet der Erde, das Pantanal im Südwesten Brasiliens, ist durch Überweidung und giftige Industrieabwässer bedroht.

Mirjam Göring sitzt in der glühenden Mittagshitze unter einem schattigen Baum im Garten ihres Grundstücks. »Wir versuchen, einen möglichst ökologischen Tourismus anzubieten. Es ist uns wichtig, dass die Gäste sich über die Natur informieren können, aber auch, dass sie kulturell etwas dazulernen«, erzählt sie. Die 38jährige Schweizerin ist vor sieben Jahren in den brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul ausgewandert und lebt dort nahe der Gemeinde Miranda mit ihrem Lebensgefährten Marcello Yndio. Gemeinsam betreiben sie eine kleine Ranch und bieten Ausflüge in das Pantanal, das größte Feuchtgebiet der Erde, an. Immer mehr Touristinnen und Touristen wollen diese einzigartige Feucht- und Steppenlandschaft kennenlernen.

Sie entstand vor 20 Millionen Jahren nach der Andenspaltung in Südamerika aus dem Meer Xaraés, das im Westen durch die Anden, im Norden durch die Hochebene Chapada dos Guimarães, im Osten durch die Bergkette Serra de Maracaju – und im Süden durch das Bodoquena-Gebirge begrenzt wird. In Millionen von Jahren wandelte sich das Salz- in Süßwasser um. Forscherinnen und Forscher fanden dort Fische, die eigentlich nur im Meerwasser vorkommen, sich aber an das Süßwasser angepasst hatten. Das Pantanal gilt als größter Schwamm der Erde, der die Wassermassen aus den Anden und dem Herzen Südamerikas ein halbes Jahr lang aufsaugt und sie ebenso langsam wieder abgibt. Das Gebiet, das in etwa so groß ist wie Westdeutschland, bietet eine Vielzahl verschiedener Landschaften wie Flüsse und Lagunen, Savannen, überschwemmte Ebenen, Regenwald und Steppengebiete. Diese Vielfalt macht das Pantanal zum Lebensraum für über 650 Vogelarten und zahlreiche bedrohte Säugetiere, etwa Jaguare, große Ameisenbären, Gürteltiere, Mähnenwölfe, Sumpfhirsche und Tapire. Diese Tiere sind hier noch in intakten Beständen anzutreffen. Auch Wasserschweine, Pumas und Ozeloten leben hier. In den Steppengebieten kann man an Seen und Sümpfen wilde Pferde, kleine Tapire und Kaimane, die zur Familie der Alligatoren gehören, beobachten. Lange Zeit fanden hier trotz strengsten Verbots regelrechte Massaker an den Kaimanen statt: Ein einziger Wilderer brachte es auf 200 erlegte Echsen pro Nacht. Die kostbaren Häute wurden illegal nach Europa und Nordamerika geliefert und dort als Zuchtware deklariert, um das Käufergewissen nicht zu sehr zu belasten. Seit einiger Zeit ist es per Gesetz erlaubt, Kaimane zu züchten – ein gelungener Versuch, das hemmungslose Wildern einzudämmen. Bestellt man in einem Restaurant in Campo Grande, der Hauptstadt von Mato Grosso do Sul, Kaimanfleisch, so kann man davon ausgehen, dass es aus einem Zuchtbetrieb stammt.

Wie viele Tiere man zu sehen bekommt, hängt von der Jahreszeit ab. In der Regenzeit von November bis Mitte Januar verwandelt sich das Pantanal durch Überschwemmung in ein großes Sumpfgebiet. »Das Pantanal lebt davon, dass es überschwemmt wird, dann werden die Tiere auf die Landflächen getragen. Im April fließt das Wasser wieder zurück in die Flüsse. Dann wird es immer trockener und trockener, bis es im Dezember wieder anfängt zu regnen. Aber die Jahreszeiten sind in den letzten Jahren durcheinandergekommen. Es regnet weniger in den letzten Jahren, so dass nicht mehr alle Ebenen überschwemmt werden«, erzählt Mirjam. In der Regenzeit fliegen die aus Nordamerika und Argentinien in das Pantanal migrierten Vögel nach Europa und die Flusstiere verkriechen sich. Alle Tiere, die im Pantanal vorkommen, gibt es zwar auch in anderen Gebieten, nur ist deren Konzentration und die Vielfalt der Tierarten hier außergewöhnlich.
Doch das ökologische Gleichgewicht der vielfältigen Feucht- und Savannenlandschaft, die viele Tier- und Pflanzenarten beherbergt, wird durch Abholzung, Übernutzung und Desertifikation bedroht. Bereits um 1890 wurden indische Kühe eingeführt, da sie nicht so leicht an Infektionskrankheiten starben wie europäische Rinder. Die Pantaneiros, die Einwohner des Pantanal, profitierten von den Weltkriegen, weil in Europa Fleisch gebraucht wurde. Es wurde über den Rio Paraguay an die Häfen der Küste geschifft und von dort weiterverkauft. Viele Pantaneiros wurden reich und konnten sich immer mehr Land kaufen. Nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg kamen zudem viele Flüchtlinge aus Europa in die Gegend und begannen, im Pantanal Rinderzucht und Ackerbau zu betreiben.
Das Gebiet war zuvor jedoch keineswegs unbewohnt. Vom wirtschaftlichen Aufschwung hatten die indigenen Gruppen, die seit Jahrhunderten am Rande des Pantanal leben, kaum etwas. Seit fast 150 Jahren leben sie in der Gegend um Miranda isoliert in Reservaten, die ersten wurden nach dem Sieg Brasiliens im Paraguay-Krieg 1870 von Marechal Rondon gegründet. Er ließ die größte indigene Gruppe, die Terena, das gesamte Telegraphennetz für die Region aufbauen. Andere indigene Gruppen konnten sich zeitweise widersetzen. Die Kadiweu hatten den Brasilianern einst geholfen, den Paraguay-Krieg zu gewinnen, daraufhin bekamen sie fast ihr gesamtes Gebiet zurück, vom Bodoquena-Gebirge bis zum Rio Paraguay. Aber um 1920 drängten die Brasilianer den Einfluss der Kadiweu wieder zurück. In einem sehr kalten Winter schickten sie Tuberkulosekranke in deren Wohngebiete. Fast alle erkrankten und starben, nach Angaben der Kadiweu gab es nur etwa 300 Überlebende. »Um zu überleben, mussten sie sich vermischen, was sie vorher vermieden hatten«, erläutert Marcello, der selbst zu den Kadiweu zählt. Dann wurden Missionare in die Gebiete geschickt, denn »die Indigenen hatten ja keinen Glauben und mussten gerettet werden«, fügt er ironisch hinzu.

Die meisten indigenen Gruppen besitzen heute kaum fruchtbares Land. »Sie haben nicht das beste Land erhalten. Außerdem ist das Gebiet ihrer Reservate sehr klein«, erzählt Marcello. Großgrundbesitzer haben das Quellgebiet um das indigene Dorf Cachoeirinho, auf dem sich ein Wasserfall befand, abgeholzt. »Die haben jetzt keinen Wasserfall mehr. Der ist weg«, ärgert er sich. Indigene würden diskriminiert und könnten keine guten Jobs bekommen. »Einige arbeiten als Handwerker, anderen stellen Kunstgegenstände her und die übrigen leben von der Cesta básica, dem staatlichen Nahrungsmittelprogramm«, sagt Marcello. Deshalb planen er und Mirjam, Bildungsprogramme und Gesundheitsvorsorge in den indigenen Dörfern durchzuführen. Bisher haben es indigene Gruppen nicht geschafft, ihrer Diskriminierung und der Zerstörung des Pantanal etwas entgegenzusetzen. Die Großgrundbesitzer, denen praktisch das gesamte Feuchtgebiet gehört, nutzen das Land um die Fluss- und Lagunenlandschaft herum für Viehzucht. »Sie halten sich nicht an die Umweltschutzgesetze, denen zufolge an den Flussrändern weder Rinder weiden dürfen noch etwas angebaut werden darf. Die Rinder trinken aus den Flüssen und verschmutzen sie mit ihrer Gülle«, kritisiert Marcello. Er manövriert sein kleines Motorboot durch enge Flussarme, die mit Schilf und Wasserpflanzen durchzogen sind. Dann lenkt er das Boot zurück zu einer relativ viel befahrenen Stelle des Flusses Miranda. Er zeigt Stellen, wo das Flussufer durch die hohen Wellen, die die vielen Boote verursachen, die mit hoher Geschwindigkeit den Fluss entlang fahren, abgebrochen und zurückgedrängt worden ist. Auf der beschädigten Uferseite steht ein Haus. »Das wird in zehn Jahren nicht mehr stehen«, prophezeit er. Aufgrund der zunehmenden Dürre sind außerdem bereits mehrere Flüsse ausgetrocknet.
Ein weiteres Problem sind die Schadstoffe im Flusswasser. Seit den siebziger Jahren kamen Zehntausende Gold- und Diamantensucher, die die Flussläufe des Rio Paraguay und São Lourenço mit giftigem Quecksilber verseuchten und zur Ausrottung zahlreicher Tierarten beitrugen. Die Kontamination von Fischen und Vögeln übersteigt in der Region bereits die von der Weltgesundheitsorganisation angegebene Toleranzgrenze von 0,5 mg pro Kilogramm. Zudem fließen giftige Abwässer aus den umliegenden Städten in die Flüsse; der Großteil kommt aus den Fabriken, in denen Zuckerrohr zu Ethanol verarbeitet wird, aber auch aus den Touristenhotels, die an den Ufern entstehen. Neben der Ausweitung der Viehzucht zerstört der Anbau von Soja und Zuckerrohr, wichtigen Exportprodukten Brasiliens, die ursprüngliche Vegetation. Satellitenbilder zeigen, dass bereits 30 Prozent des Baumbestands des Pantanal abgeholzt worden sind. »Wenn die Zerstörung in diesem Rhythmus weitergeht, wird schon im Jahr 2050 kein Baum mehr hier wachsen«, sagt Marcello ernst.

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